Urban Observations by Chris Janosch Delcker

drag_queen collage fotografie urban_art

Heute stelle ich euch eins meiner persönlichen Lieblingsprojekte vor: Die Interviewcollagen von Chris Janosch Delcker.

Sein Projekt heisst Urban Observations, eine Online-Dokumentar-Serie, die vergangenes Jahr sechs Künstler durch New York begleitet hat:  Eine Drag Queen, einen Karikaturist, eine Kuratorin, einen Regisseur, eine Autorin und einen Maler. Sie sprechen über ihr Leben, und was die Stadt für sie bedeutet. Jeder von ihnen hat eine Geschichte zu erzählen. Jeder hat eine eigene Vergangenheit. Jeder hat Träume.

Zusammen formen die sechs Videos ein Mosaik; ein Bild der Stadt New York, in Zeiten der Rezession.

Nun legt Chris seine Reihe neu auf und zwar hier in Berlin. Die künstlerischen Berufe und Berufungen bleiben gleich, die Menschen sind anders und die Stadt erst recht. So wird das Projekt um eine neue Ebene erweitert. Von dem Mikrokosmos der Menschen, die wie Spuren den urbanen Dschungel beschreiben, zum Makrokosmos der Städte, die sich als einzelne Teile in das Gesamtbild der Welt fügen. Natürlich sind es auch persönliche Zeugnisse, die der Cross-Media-Journalist Chris Janosch Delcker hier ablegt. Denn in allem ist auch seine eigene Spur enthalten, von der Auswahl der Künstler über die Photographie bis hin zu Musikauswahl, Schnitt und Veröffentlichung, alles geschieht in Eigenregie, in allem ist er als Charakter selbst spürbar.

Und eben dies macht seine Interviewcollagen so besonders, so gehaltvoll. Ich hatte die Gelegenheit, einen Abend mit Chris hier in Kreuzberg in einer Kneipe zu sprechen. Wenn man ihn trifft, fällt sofort die ruhige Aufmerksamkeit seines Wesens auf. Dies und ein reiner Idealismus, sich auf das Schöne und Gute im Leben zu konzentrieren. Er nimmt sich Zeit für seine Collagen, geht mit Ruhe und Bedacht zu Werk und nimmt dem blinden Aktionismus und der allgemein üblichen Medienhektik ihre Rasanz, ersetzt diese durch ein maßvolles Tempo und Empfindsamkeit. Seine Werke sind eine Rückbesinnung auf das Wesentliche, im Fokus steht ganz der Mensch.

VisualBlog wird von heute an jede neue Folge seines Projekts featuren. Wir beginnen mit der ersten aus der Berlinreihe: Die Drag Queen Gina Tonic aus Kreuzberg. Einmal mehr hat Chris hier die Musik von meinem Freund keychee verwendet, was mich sehr freut und großartig zusammen passt. Vorhang auf für einen weltoffenen, unverstellten Blick auf das urbane Menschsein.

Urban Observations: Gina Tonic from Urban Observations on Vimeo.

streetart is not for sale

urbanart adbusting

Zustimmung! Keine Frage, viele großartige, kontroverse, kritische Graffiti-Künstler machen auch Produktdesign, um von ihrer Leidenschaft leben zu können. Und das ist auch gut so. Des Weiteren berühren sich Urbanart und Marketing generell in unserer Zeit sehr stark, das ganze Guerilla-Marketing hat sich von der Straße aus entwickelt und auch dabei sind schon großartige Kampagnen entstanden. Wenn ich allerdings durch die von Werbung zugekleisterten Städte spaziere, muss ich nicht auch noch alle paar Meter auf dem Bürgersteig von einer lieblosen Schablonenparole für ein mittelmäßiges Remake belästigt werden.  Danke Michael für das Foto!

Reggaefarben im Alltag

raggae foto aktion

Auf seinem Blog housofreggae sammelt Nils Kersten Alltagsfotos, auf denen die drei Farben des Reggae, rot-gelb-grün, zu sehen sind. Wichtig ist dabei, dass es sich nicht um gestellte Bilder handelt, sondern um pure Zufallskompositionen.

Also, wo immer ihr auch auf diese Farbkombination stoßt, ob drinnen oder draußen, in eurem Bad oder im Flugzeug, Foto machen und an nils[at]houseofreggae[dot]de schicken.

Ein wenig kreativer als ein Ampelfoto sollte es dann aber schon sein – Augen auf für Reggaefarben im Alltag!

raggae foto aktion

raggae foto aktion

Graffiti-Kultur an der Saar

Das ist den saarländischen, französischen und allen anderen freien Kunstschaffenden gewidmet, die an dem Folgenden beteiligt waren – ein großartiges Stück Gemeinschaftsarbeit!

Saarbrücken, Hauptstadt des Saarlandes, ist tatsächlich eine der deutschen Städte, die als Kulturzentrum gelten darf. Neben dem Deutsch-Fanzösischen Theaterfestival Perspective und dem Filmfestival Max Ophüls Preis (uva. Festivals) besticht dieses, für einen in Berlin wohnenden Menschen, eher kleines Städtchen vor allem durch eine der ästhetisch schlimmsten Stadtplanungsverbrechen, die jemals in deutschen Landen begangen wurden: Die Bundesautobahn 620, die entlang der beschaulichen Saar und damit mitten durch die Stadt führt. So wundert es den Besucher doch sehr, wenn er entlang des Ufers zur anderen Seite des Flusses nichts als das Betongrau der Autobahn sieht mit ihrem jede Idylle gekonnt unterdrückenden, stetigen Lärmpegel; ein mechanischer Fluss neben dem Organischen, Sinnbild der Modernisierung. Doch mit eben jener Monstrosität tut sich auch ein Kunstraum auf, eine hohe Wand, die die Autobahn nach oben versetzt vom Spazierweg trennt und somit eine üppige Bühne für eine weitere kulturelle Sehenswürdigkeit liefert, die so jedoch nicht in den gängigen Stadtführern vermerkt ist – eine lange Mauer voll feinster Graffiti-Artworks.

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Die 4 Enden der Stadt

Der Film Die 4 Enden der Stadt verknüpft die persönliche Biografie Sven Boecks mit dem urbanen Raum der Vorstädte Berlins. Titelgebend orientiert sich die Struktur des filmischen Werks an den vier Himmelsrichtungen, womit zugleich ein weiterer, diesmal sinnhafter Raum einer Reise aufgemacht wird. Das Wandeln im Raum ist hier jedoch nicht physisch zu verstehen, sondern als Gang durch die Geschichte selbst, die Individualgeschichte des Autors, die im weiteren Kontext des historischen Geschehens aufgeht. Boeck, der sich für Buch, Regie und Kamera verantwortlich zeichnet, wirft den Zuschauer in eine dichterische Auseinandersetzung mit der eigenen, erinnerten Vergangenheit (und Gegenwart), die von Zeit zu Zeit ins Lyrische gleitet. Und so verwischen die Grenzen zwischen Dokumentarischem und Prosaischem, zwischen Einzel- und Massenschicksalen, zwischen Leben und Erlebtem.

Die Bilder zeigen Stillleben im Wortsinn – stilles Leben. Und bewegen auf diese Weise umso mehr.

Oft besitzen sie einen dystopischer Nachklang, exponieren eine verlassene Welt, einzig beseelt von der Intensität der Auslassung. Denn der Film ist visuell erfüllt von Menschenleere. Auf tonaler Ebene sind wir dem Leben jedoch nahe, einerseits durch die kongeniale Musik, die den Bildern erst zu ihrer vollen Wirkung verhilft, andererseits durch die begleitende Stimme aus dem Off, die uns behutsam den Führer mimt. Durch diese formalen Aspekte, der visuellen Verweigerung körperlicher Exposition und der gleichsam tonalen Nähe, fühlen wir uns in der Loslösung allem Menschlichen eng verbunden. Auch birgt der Film existenzialistische Anklänge: Wenn in der Ferne die Gestalt eines unerkennbaren Fremden die Szenerie betritt, jene Baumkulisse streift, die vor, während und nach den Grausamkeiten der Diktatur dem Menschenschicksal unbeteiligt gegenüberstand und noch steht, fühlte ich mich an die Supertotalen Kubrick’s erinnert, der ebenfalls den Menschen verloren im Raum der Welt stilisierte. Die Orte selbst sind zwar sehr leise berichtende, doch keineswegs stumme Zeugen der Vergangenheit. Man muss sie nur zu lesen wissen, ihre Sprache verstehen lernen – Symbole dichterischer Vieldeutigkeit.

So setzt Boeck mit seinem Film ein vieldeutiges Zeichen, auch interpretierbar als Verweigerung der hastigen, auf Hochglanzästhetik uniformierten, historischen Blockbuster, die alles auf eine eindeutige Interpretation verengen und diese ist im besten Falle einfach nur hohl, im schlechtesten trügende Propaganda. Die 4 Enden der Stadt hingegen lässt sich Zeit, schenkt dem Zuschauer Leerstellen, um das Gesagte zu reflektieren und unterwirft sich nicht den Regeln der Mainstreamvisualisierung, die ihre Bilder im Staccato aneinanderreiht und in die Hirne tritt.

Er ist nicht anklagend, aber benennend, nicht verzweifelt, aber zweifelnd – und in jeder Hinsicht ein Geschenk!

Die 4 Enden der Stadt – Trailer from KOPPFILM on Vimeo.

Spreegraffiti

Eine Seefahrt die ist lustig, eine Seefahrt die ist … bunt. Zumal, wenn sie in Berlin stattfindet. Dort macht die freie Kunst auch nicht vor den Wasserstraßen halt und ziert, wo immer es auch möglich ist, die Uferwände, Brückenpfeiler und der zur Spree gewandten Fassaden. An diesem ersten durchgängig sonnigen Wochenende habe ich es endlich mal zu einer Spreefahrt geschafft und kann es nur jedem empfehlen. Es ist ein wahrhaft entspannendes und überaus abwechslungsreiches Erlebnis. Ich habe mindestens ein Dutzend neue Orte gefunden, an denen ich unbedingt mal den Tag vertrödeln muss, freie Räume, in denen die Gestaltungshingabe ihrer Bewohner der klinischen Ordnung der von Marken und Firmen kontrollierten, vollständig überwachten Promenaden aufs Schönste trotzt. Hier mag ich selbst die Touristenfahrten! Hier geht es zum Album.

keychee: fires and wires

Keychee hat seit Anfang diesen Monats sein neues Album draußen: fires and wires. Das Album steht unter Creative-Commons-Lizenz und kann hier kostenlos runtergeladen werden.

keychee

Ein paar unpassende Sätze: Ich kann sein Werk nur mit den gleichen Worten zu fassen versuchen, die ich schon der Beschreibung des Cover-Artworks zugedacht habe – warm verstörend. Das Besondere an seinem Stil, den zu benennen er im Übrigen klar verweigert, ist gerade für mich, dass sich die Musik so schwer fassen, so schwer nur in Worte kleiden lässt. In Kenntnis seiner früheren Alben, und ich bekenne mich an dieser Stelle klar zum Bewunderer seiner Kunst, der Kunst eines Freundes wohlgemerkt, darf behauptet werden, dass dieses Album sein bislang ‚positivstes‘ Werk darstellt. Gleichwohl sind die einzelnen Stücke von Dissonanzen durchzogen, einem Riss im Gefüge der Welt, immer sacht, nie aufdringlich, vielmehr eine Klang- und Empfindungswelt vieler kleiner Risse, kleiner Wunden. Hier tun sich keine unüberwindbar pathetischen Schluchten großer Wehmutsgesten auf, hier schreit kein düsterer Prediger nach Erlösung. Unheilbar, unversöhnlich ist das Werk trotzdem, ob mit der Welt oder deren vielen hohlen Vorstellungen, die wir täglich, stündlich, sekündlich ertragen müssen, ob unversöhnlich mit sich selbst oder seinem Erschaffer, ich weiß es nicht, ich will es auch gar nicht wissen. Für mich ist nur eines sicher: Solange ich das Album höre weiß ich mich vor vielen sanften (Ab)gründen stehen, vor mir entblößt sich mindestens eine Sehnsucht verheißende Weite, Flüsse fließen auf und ab und ich fühle mich der Frage ganz entrückt, ob ich nun springen soll oder eben nicht. Ich bin entrückt doch Abstand gewinne ich keinen.

Am 27. März tritt Keychee feat. Hoermes hier in Berlin im Schokoladen auf. Dabei wird er visuell begleitet von Vjane ma.beat. Ich werde den Auftrtitt filmen und in den kommenden Wochen zusammen mit keychee ein kurzes Video aus dem Material basteln, was natürlich hier auf dem VisualBlog Premiere feiern wird.

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Das Leben ist kein Heimspiel

Der zweite Film, der mich auf dem Filmfestival Max Ophüls Preis sehr begeistert hat und dem ich hier mehr Raum geben möchte, ist wieder eine Dokumentation: Hoffenheim – Das Leben ist kein Heimspiel. Dass die jüngste Geschichte des ehemaligen Badener Regionalligaklubs, der innerhalb kürzester Zeit auf der Überholspur in die 1. Bundesliga gebraust ist, für enormes Aufsehen in der hiesigen Medienlandschaft gesorgt hat, ist allseits bekannt. Nun ist auch der Dokumentarfilm von Rouven Rech und Frank Pfeiffer am Start, der die Geschichte mal in aller Ruhe von innen erzählt. Im Fokus des Films stehen zwei Männer: Der Geschäftsführer des Clubs Jochen A. Rothaus und der Hoffenheimer Torsten Hartl (Torro), Fan der ersten Stunde (Zwinger-Club). Es ist schön mit anzusehen, wie beide Männer in ihren jeweiligen Bereichen, im Management und an der Basis, mit den vielfältigen Veränderungen umgehen und teilweise auch kämpfen müssen, die der Durchmarsch Hoffheims in die erste Liga mit sich brachte. Der eine treibt die Veränderungen voran, der andere muss sich darin einfinden. Besonders rückt der Film die Problematik der Tradition contra Modernisierung ins Licht der Leinwand – von Dorfverein zu rentablem Fußballunternehmen, von Fanchören zu Marketingstrategien, von Baden zu Würtemberg. Bei aller Kontroverse schafft es der Film nicht wertend zu werden, sondern persönlich und ganz nah am Geschehen vor Ort zu verweilen. Die Aufgabe der Distanz und die wirklich außergewöhnlichen Charaktere, die hier so authentisch wie es geht vom Blick der Kamera eingefangen werden, verleihen der Geschichte auch ihre Kraft, Dynamik und immensen Charme.

Im Anschluss an die Vorführung gaben die Macher und Protagonisten einen lohnenswerten Einblick in die Entstehungsgeschichte des Films selbst. So wurde das Filmprojekt mit dem Erfolg und des Vereins ebenfalls immer größer – der Film wuchs mit dem Verein. Die Regisseure sagten ganz klar, dass auch sie von einer starken Zuneigung zum Objekt ihrer Kunst, also dem TSG 1899 Hoffenheim, während des Drehs ergriffen wurden, was sicherlich besagte Distanzlosigkeit förderte. Für mich hatte es den Anschein, dass der Schwung des Films unmittelbar dem Schwung des Geschehens während der Produktion geschuldet ist. Und mal ganz im Ernst: Ist es nicht wunderschön eine Geschichte zu sehen, die sich ab einem bestimmten Punkt jedweder Planung seitens des Filmteams entzog? Hier liegt für mich auch die große Leistung der Regisseure, sich von der Bewegung des Geschehens einfach mitreißen zu lassen und mit großer Empathie selbige noch einzufangen. Zudem wirkt der Film sehr ehrlich. Das liegt wohl auch daran, dass die Regisseure von keinem Moment an Kompromisse eingegangen sind und sich nicht von dem Verein bezahlen ließen, obwohl sie diesem über die Drehzeit derart nahe gekommen sind. Dies betonte auch noch mal Herr Rotthaus, der ehrlich zugab (Hut ab!), dass man den Beiden Angebote gemacht habe, um sich vielleicht ein oder zwei Szenen ersparen zu können, diese aber unbestechlich blieben. Dass der Geschäftsführer des Vereins persönlich an den Filmvorführungen und abschließenden Diskussionen teilnahm sowie Rede und Antwort stand, empfand ich als sehr sympathisch. Rotthaus selbst ist auch ein eher erdiger und humorvoller Typ (muss er als erfolgreicher Manager auch sein) und nutzte die Gelegenheit natürlich auch für Eigenwerbezwecke (manchmal klammerte er sich für meinen Geschmack ein wenig zu sehr ans Mikro und verlor sich in seinem ‚Marketingsprech‘, was ihm aber verziehen sei). Torro war natürlich auch dabei und sorgte mit seiner eher rauen und unerschütterlich Version badischen Charmes für viel Stimmung. Filmteam, Management und Fanurgestein präsentierten sich in familiärer Eintracht, naiv und ungezwungen, eben der nach Außen kommunizierten Vereinsphilosophie.

Auf der anderen Seite muss noch bemerkt werden, dass auch die Hoffenheimer Vereinsführung dem Filmteam unbedingt die Treue hielt. So lehnte diese die Angebote einer Dokumentation über ihren Verein von um einiges größeren Medienmachern wie dem DSF klar ab und verwies darauf, dass sie bereits bestens versorgt seien; auch das verdient viel Anerkennung. Fazit ist also eine rundum gelungene Geschichte im und um den Film, der noch dieses Jahr laut Produzent Jochen Laube eine kleine aber feine Kinoverwertung erfahren soll. Dann folgt noch die Ausstrahlung im ZDF, einem der Hauptförderer des Films und natürlich die DVD-Vermarktung.

Obelisk in Kreuzberg

Kurz und knapp, heute wird wild rumgeblogt, und da möchte ich euch auch nicht meinen letzten Spaziergangfund vorenthalten. Auch im Winter sind die Menschen hier kreativ. Ein Zeugnis ihrer Schaffenskraft habe ich vor Umbras Kuriositätenkabinett (ein herrlicher Titel) in Kreuzberg gefunden: Den Bücherobelisken.