Die langsame Versteinerung des Lebens – daily awesome impression

Kürzlich habe ich diese beiden Graffitis von ALANIZ in meiner unmittelbaren Nachbarschaft gefunden. Für mich implizieren die Bilder eine traurige, an sich selbst krankende Welt, der das Leben langsam, kalt und einsam entweicht, um schließlich ganz zu versteinern. Mich erinnern sie zuerst an das obdachlose Leben in einer Großstadt.

Falls jemand den Künstler kennt, würde ich mich über eine Info in den Kommentaren sehr freuen.

Neues Album von keychee: a lime in silk – daily awesome impression

Mein Kumpel Keychee hat sein neues Album a lime in silk am Start, eine Widmung an seinen Sohn, der im November zur Welt kommen wird.

Hier gibt es das Artwork.

Ausstellung ROA in Skalitzers Contemporary Art

Durch Zufall bin ich in eine Ausstellung des Künstlers ROA geraten. Der Urban Artist ist bekannt für seine riesigen, naturalistisch anmutenden Graffitis in schwarzweiß. Das Thema ist durchgängig von Tiermotiven bestimmt, Kreaturen, die der menschlichen Zivilisation zum Opfer gefallen sind. So muten seine Werke zuweilen sehr morbide an. Die bemalten Oberflächen bestehen aus einer Vielzahl zusammen gesetzter Türen und Klappen aller Art, die, wenn man sie wendet, die Eingeweide der Tiere zeigen. Oft sehen wir auf der Vorderseite ein in Draht gefangenes Geschöpf noch in seinem Todeskampf, auf der Rückseite schon dessen Skelett. Die Arbeiten ROA’s machen immer wieder großen Eindruck auf mich, zeigen sie doch die Kehrseite menschlich-zivilisatorischen Dranges.

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Ausstellung Stattbad Wedding – Wedding Walls

Letztes Wochenende wurden die „Türen für ein Event der besonderen Art“ im Stattbad Wedding eröffnet. Unter dem Titel No More Butter By The Fishes feierte das Stattbad Wedding seinen 2. Geburtstag und stellte das neue Projekt WEDDING WALLS vor. Grund genug, mal vorbei zu schauen. Keineswegs war die Ausstellung auf die innen gelegenen Räumlichkeiten beschränkt. Den Besucher erwarteten ganz im Sinne des Titels die hergerichteten Fassaden des Gebäudes, welche flächendeckend mit Graffitis bekannter Streetartisten der Berliner Szene bedeckt waren und eine gelungene Erweiterung der Ausstellung in den öffentlichen Raum bezeichneten. Wo war Anfang, wo war Ende? Beim bemalten Flaschencontainer an der Ecke? An der gegenüberliegenden Wand? An der U-Bahn Haltestelle? Sicherlich war bei mir ein frühzeitiger Endpunkt erreicht, als ich drei Euro für eine kleine Flasche Veltins löhnen musste (im Wedding!), die mir von einem affektiert rumspackenden Typen in Sturmmaske verkauft wurde, der allem Anschein nach der überbordenden Performanz zum Opfer gefallen war. Mit großer Verspätung wurden dann die Pforten zur Vernissage um 20:00 Uhr geöffnet. Die Installation von Anna Rosznowska im Pool des Bades habe ich leider verpasst, wir wurden aber netterweise noch eingelassen, um deren Überreste zu bewundern – punktuelle Scherbenhaufen im weiten Hellblau der Beckenfliesen. Die folgende Vernissage wurde auf engstem Raum präsentiert. Ich durfte die hervorragenden Fotografien von Gert Mittelberg bewundern, sehr gelungen aufbereitet auf Leuchtwänden, die im dunklen, von metallenen Rohren durchzogenen Keller des ehem. Stadtbades eine sehr intensive Eindringlichkeit entfalteten. Auf dem Boden und in einigen Ecken angebrachte Monitore zeigten Bilder von Just, daneben ein Screening des Films Wedding Walls von Tamas Haragay, von dem man leider kein Wort verstehen konnte. Mein absolutes Highlight jedoch war ein Raum weiter hinten, klein, eng, von schwach gelbem Neonlicht erhellt, in dessen Mitte sich ein alter, schmutziger Spiegel horizontal auf Hüfthöhe aufgebahrt fand, der wiederum von drei Fruchtgummis in dessen Zentrum geziert wurde. Wie ferngesteuert bewegte ich mich mit der sinnhungrigen Bohème-Meute auf den Spiegel zu und versuchte in meinem dort erblickten Selbstbild das Wesen der Kunst neu zu entdecken – und scheiterte. Ich wusste einfach nicht, warum gerade drei Fruchtgummis im dreckig-spiegelnden Rechteck. Nach kurzer Beratung mit den Kunstkampfgenossen und Blick aufs Programm erhellte sich mein Geist: Wir waren in einen Abstellraum gelaufen.

Flatterball – Podcast für europäische Fußballkultur

Flatterball, der wohl interessanteste, sympathischste und einfach beste Audio-Podcast zur Fußballkultur Europas (wobei der Akzent auf Kultur liegt), widmet sich mit seiner neuen Folge einem ernsten und schwierigen Thema: Homophobie im Fußball. Wie problematisch das Thema im deutschen Lieblingssport ist und im öffentlichen Diskurs noch längst nicht angekommen, im gesellschaftlichen Sinne also steinzeitlich (mann muss sich hier wirklich mal schämen), führt die Sonderausgabe sensibel und auf der Suche nach Lösungsansätzen gekonnt vor Augen und Ohren.

Aus Anlass eines besonderen Geburtstages gibt es heute eine ganz besondere Folge. Justin Fashanu, der erste schwule Profifußballer, der sich während seiner aktiven Zeit outete, wäre am vergangenen Samstag 50 Jahre alt geworden.

Aus diesem Anlass haben wir den ersten offen schwulen deutschen Fußballer zum Gespräch geladen. Mit Marcus Urban sprechen wir nicht nur über die tragische Figur Justin Fashanu, wir finden auch Zeit für Marcus Urbans ganz eigene Biographie: Seine Zeit als Jugendauswahlspieler in der späten DDR, seine aufsehenerregende Buchveröffentlichung “Versteckspieler” von 2008, sein privates und sein öffentliches Coming Out.

Impressionen von der Eröffnung der transmediale

Gestern abend war ich bei der Eröffnungsveranstaltung der transmediale und habe euch ein paar Eindrücke mitgebracht.

Großartig fand ich den musiklaischen Act Crowd vs the DJ | Christopher Doering & Jay Cousins. Die Künstler haben zu ihrer Performance auf einer Leinwand eine Art digitales Nagelkissen projeziert. Die Besucher konnten sich auf ein Podest zwischen Band und Leinwand stellen und sich rythmisch zur Musik bewegen. Die Bewegungen formten sich dann in Echtzeit auf dem Nagelkissen aus. So wurde der Besucher zum VJ durch seine Bewegungen und interagierte mit der digitalen Erweiterung des Raums.

Drei Monitore zeigten im Loop die Funktionsweise der Graffiti Analysis / Graffiti Markup Language, ebenfalls ein sehr cooles Projekt, dass außerdem für die Open Web Awards nominiert ist. „Die GML ist eine Software für Graffitikünstler, mit der sie ihre Schreibgesten archivieren, analysieren und weiterverarbeiten können.“

Mein absolutes Highlight war jedoch eine eher klassische Installation von Reynold Reynolds: Labor Berlin #4: „The Secrets Trilogy“. In mehreren Räumen, die wiederum mit mehreren Leinwänden bestückt waren konnte man einen Experimentalfilm sehen. Die Räume waren komplett schwarz und leer. Im ersten Raum angekommen, wobei man selbst entschließen musste, wo denn der Anfang sei, lief ein Film auf einer Leinwand. Entgegen der Sehrichtung lief der gleiche Film, jedoch ein anderer Erzählstrang, auf einer weiteren Leinwand hinter oder seitlich der Betrachter, so dass man seine Blickrichtung jederzeit wählen musste. Nie liefen alle Leinwände gleichzeitig. In den anderen Räumen spielten andere Teile des Films, die alle in formellem und inhaltlich symbolischem Zusammenhang standen, auch durch die Wiederkehr einer bestimmten Frauenfigur. Man musste sich den Film also räumlich wie auch zeitlich selbst organisieren. Die Bilder waren enorm intensiv, ästhetisch hoch anspruchsvoll. Auf der reinen Formebene wurde ebenfalls über Zeit reflektiert, da die Darstellung sehr langsam gefilmt und anschließend zeitgerafft wurde. Diese Sequenzen wurden wiederum mit Slow-Motion-Aufnahmen kombiniert. Daraus ergibt sich ein sehr spezieller Bilderfluss, der, obwohl flüssig, auch immer abgehackt und unterbrochen wirkt. Man kann sich das wie eine Reihung von Einzelbildern vorstellen, ähnlich einem Stop-Motion-Film, bei gleichzeitig ruhigen und sanften Kamerafahrten und -schwenks. Hier verbrachte ich den Großteil des Abends.

Ein sehr schönes und inspirierendes Erlebnis. Anders als im typischen Museumstrott, sind die Installationen allesamt auf Partizipation angewiesen, der Besucher wird Teil des Kunstwerks, beeinflusst und verändert es. Ob beim nicht digitalen Flötenschnitzen aus Karotten oder der persönlichen Emotionsschau am Rechner, die dann von einer Ausdruckstänzerin direkt mitverarbeitet wird, alles dreht sich um Teilnahme, Mitbestimmung, Kollektivität – das Kunstwerk für sich allein hat keinen Bestand. Der digitale Ausdruck eines edlen Gedankens.