Da die Reihe Visuell hervorragende Filme aufgrund der Beiträge zum Filmfestival Max Ophüls Preis diese Woche unterbrochen wurde, jedoch das Wochenende naht und die Schaulust ja doch befriedigt werden will, hier zwei schnelle Tipps fürs kurze Vergnügen.
Ich habe mich schon länger gefragt, was mit der ganzen Masse an Kurzfilmen so passiert, die man meist auf Festivals sieht und dann mitunter nie wieder. Eine Antwort habe ich nun parat: vimeo. Hier habe ich gerade zwei klasse channels für Kurzfilm entdeckt.
Und nicht nur irgendwelche lumpigen, schlecht aufgelösten Filme finden wir hier, nein, hier gibt es „Only the best, international, award-winning, CINEMATIC shortfilms“ – Phantastisch, für mich ein Paradies. Viel Spaß beim Stöbern!
Habe den Film gerade erst zu Ende geschaut und muss ihn gleich mal weiter reichen. Denn hier stößt man auf eine reichhaltige Fundgrube an visuellem Experiment und Inspiration – Graffiti und Streetart in grenzenloser Form: Die Höhen- und Höhlenmaler, die Reklameflächenbefreier, solche, die Werbeikonen mit netten Einschusslöchern zwischen den Augen verzieren oder einfach gleich kidnappen. Oder andere, die es sich zur Aufgabe gemacht haben kleine Hütten im Irgendwo zu bauen, um viel später dann eben dort auf neu eingerichtetes Leben zu stoßen. Und wieder andere bauen gleich eine ganze Stadt der Namen.
Das Beste daran ist allerdings, dass der Film via Babelgum, wie schon BOMB IT, kostenlos zur Verfügung gestellt wird – Viel Spaß!
Diese Woche mal ein Film aus Deutschland: Heimatkunde von SMAC (2008)
Visuell eingeklammert, da die Ästhetik hier auf das Minimum der dokumentarischen Handkamera reduziert ist. Und trotzdem oder gerade deshalb wirkt der Film in seiner rauen Schönheit so ansprechend, da wir hier eigentlich dem Gegenteil des Blockbuster-Kinos folgen dürfen. Ein Typ macht sich achtzehn Jahre nach der Wiedervereinigung auf den Weg, um sich ein Bild von der Stimmung rund um die Hauptstadt zu machen. Auf seiner 250 km weiten Forschungsreise im Kreisrund um Berlin will er sich und den Zuschauern die Frage beantworten, ob sich in der Peripherie neues Leben entwickelt hat und wenn ja, wie dieses aussieht. Dass der Wanderer zufällig Martin Sonneborn heißt, tut fast nichts zu Sache. Inkognito bringt er uns das Leben unserer ostdeutschen Nachbarn (Hinzugezogenen wie Neusiedlern) nahe, spricht jeden mit seiner gewohnt charmanten Art an, lässt sich im wahrsten Sinne des Wortes gehen und unterdrückt mit schalkhaftem Grinsen allzu oft seine berühmt berüchtigte Bissigkeit.
Was mir besonders gefallen hat, ist die Präsentation der Outtakes in Form einer Google Map, auf der alle Stationen seiner Rundreise markiert und mit einem vor Ort gedrehten Kurzvideo versehen sind. Dies ist reines Zusatzmaterial, das im eigentlichen Film nicht zu sehen ist. Die einen reizt es an den Film zu schauen, die anderen erfahren hier einen echten Mehrwert. Respekt für eine derart simple und gute Nutzung des Web 2.0.
A Scanner Darkly basiert auf dem gleichnamigen Roman von Philip K. Dick, einer dystopischen Geschichte über die Auflösung des Individuums in einer von Überwachung geprägten Gesellschaft, Drogensucht und Selbstverlust. Richard Linklater hat eine einzigartige Ästhetik entworfen, die allerdings auch etwas gewöhnungsbedürftig ist. Alle Szenen wurden real gefilmt und dann in Comicform übersetzt bzw. überzeichnet. Dadurch wirkt die hier entworfene Welt auf seltsame Weise realer, als es im Comic sonst der Fall ist, gleichzeitig jedoch auch abstrakter, versetzter und verzerrter. Die Geschichte ist ein klassisch existenzielles Verwirrspiel, die ihre Tiefe und Komplexität insbesondere den hervorragenden (wenn auch sehr langen) Dialogen verdankt. Woody Harrelson und Robert Downey Jr. liefern in jeweils ihrer Version durchgeknallter Süchtiger eine glänzende Vorstellung, die Spannung bleibt bis zum unvorhersehbaren Ende erhalten. Die Demarkationslinie zwischen Gut und Böse verschwimmt und niemand kann sich mehr sicher sein, wo er eigentlich steht – oder wer er überhaupt ist. Ein Film nicht nur für Exzentriker und Philosophen.
Um das Mafia-Epos des italienischen Ausnahmeregisseurs kreisen eine Unzahl an Geschichten, Anekdoten und Mythen. Zum Beispiel wurde der Film auf Geheiß des verantwortlichen Produzenten um satte 90 Min. gekürzt und die komplexe, nicht lineare und auf Rückblicken basierende Erzählstruktur kurzerhand umgeschnitten, so dass am Ende eine vollkommen entstellte Version dem Publikum zur Uraufführung dargeboten wurde. Selbst die geniale Filmmusik von Ennio Morricone soll gefehlt haben. Mittlerweile liegt das Original (229 Min.) in einer Special Edition auf zwei DVDs vor – und jede Minute lohnt sich. Es ist nicht nur die fesselnde Geschichte, die phantastischen Schauspieler oder die brillante Photographie (nebst meisterhafter Montage im Original), die diesen Film zu einem Meisterwerk machen. Es ist besonders Leones Liebe, man könnte auch von Fanatismus sprechen, zum Detail. So hatte sich der Regisseur eine der Schlüsselszenen in einem Regenschauer ausgemalt. Nur war die damalige Technik nicht soweit, dass man der Szene aufgrund ihrer Weite einen künstlichen (nicht CGI) Regen hätte hinzufügen können. Obwohl man Leone dezent darauf hinwies, dass seine Vorstellung zu inszenieren völlig ausgeschlossen sei, gab sich dieser nicht damit zufrieden und begann die Wolken zu studieren. Natürlich hätte man die Szene einfach während eines Schauers drehen können, doch das war nicht in Leones Sinn. Denn der Regen hatte punktgenau in einer langen Szene selbst einzusetzen. So wartete man eine für die Produktionskosten nicht unerhebliche Zeit. Eines Tages schließlich, als die Wolken Leone günstig erschienen, begann der Dreh auf sein Zeichen hin und siehe da, es begann sich exakt zu dem Zeitpunkt ein milder Schauer über das Set zu ergießen, den der Regisseur im Drehbuch auch vorgesehen hatte.
James Woods erzählt diese Geschichte im üppigen Bonusmaterial der Doppel-DVD-Edition und fügt noch voller Bewunderung hinzu: Es war als wartete Gott nur darauf, dass Sergio ‘Action’ rief, um es genau dann regnen zu lassen, wann Sergio es wollte.
Die wöchentliche Filmempfehlung mit Augenmerk auf Visualität dürfte den Meisten schon bekannt sein – wenn nicht, um so besser: Waltz with Bashir von Ari Folman.
Ich möchte mich an dieser Stelle eines erschöpfenden Kommentars verwahren, da ich nichts vorweg nehmen möchte. Wer sich im Vorfeld kundig machen will, kann dies hier tun. Es bleibt eigentlich nur zu sagen, dass der Film hinsichtlich seiner Visualisierung nichts weniger als brilliant ist. Das ganze Werk ist mutig, intelligent und konsequent umgesetzt, zeigt neue Wege und eine echte Innovation in der Darstellung kriegerisch-gewalttätiger Konflikte auf. Eine besondere Tiefe wird durch den hervorragenden Score von Max Richter erzeugt, dessen Kombination mit den Bildern uns auf eine Reise schickt, an die Grenzen unseres Verstandes eben, bemüht um eine intensivierte Verständlichkeit (oder Verständnis). Für mich einer der besten Filme des Jahres 2008.
Diese Woche empfehle ich einen mehr als literarisch inspirierten Film: Kafka von Steven Soderbergh (1991).
Das tolle an dem Film ist, dass es sich streng genommen nicht um eine Romanverfilmung handelt. Vielmehr bedient sich der Regisseur frei an der absurden Motivik des Schriftstellers, die doch eigentlich so ganz unserer Welt entlehnt ist, und legt kurzerhand wesentliche Teile der Handlungen von Kafkas Das Schloß und Der Prozeß zusammen; ergänzt durch freie Interpretation im Geiste des Film Noir. Den philosophisch-existentialistischen Fokus abzuschwächen, ohne die Absurdität des Zufalls zu verabschieden und eine gleichsam spannende wie unterhaltende Geschichte zu erzählen, das ist die große (Eigen-)Leistung des Films und seines Machers. Dem Kritiker mag hier zu wenig Eigeninitiative am Werke sein. Doch gerade die Verweigerung einer allzu artifiziellen Interpretation auf der einen Seite und wortgetreuer Romanverfilmung auf der anderen, dafür aber ein vornehmlich visuelles System der Referentialität und Rekombination sowie die Betonung des kafkaesken Humors sind mir eine willkommene Abwechslung in der sonst so tristen und ernsthaften Rezeption des Schriftstellers, der die Postmoderne (oder Moderne, wie es beliebt) erfunden hat. Persönlich lese ich in Kafkas Werken nicht nur Schwermut, sondern auch einen überragend feinen Sinn für Humor, durchwirkt von Liebe, Verständnis und Verzeihen. Oder wie Albert Camus schrieb: „Sein [Kafkas] unglaublicher Urteilsspruch spricht diese hässliche und erschütternde Welt schließlich frei, in der selbst die Maulwürfe noch zu hoffen wagen.“
Die wöchentliche Empfehlung visuell besonderer Filme fällt diesmal etwas apart aus. Nowhere von Gregg Araki (1997).
Der Film ist in seiner Wirkung das absolute Gegenteil von schön. Er ist unangenehm, die Farben sind allzu plastisch und unnatürlich, die Dialoge sind hohl bis unzumutbar und es ist nicht mal im Ansatz so etwas wie eine kohärente Charakterentwicklung geschweige den irgendeine Geschichte auszumachen. Persönlich war ich geneigt, den Film bereits nach fünf Minuten auszuschalten. Warum ich diesen trotzdem empfehle? Ganz einfach, weil er ein visuelles Experiment ist. Alle aufgezählten Schwächen sind bewusst konstruiert, da Araki ein kritisches Werk über die von jeglichem Sinn befreite, in Gänze oberflächlichen postmodernen Pop- und Lifestyle-Kultur schaffen wollte und so die Erzählstruktur und Ästhetik kongruent zu diesem Vorhaben inszenierte. Man kann die Probe aufs Exempel machen: Stoppt den Film an einer beliebigen Stelle, und ihr werdet sehen, dass nahezu jedes Einzelbild ästhetisch einer gängigen Popart-Plakatwerbung gleicht. Außerdem dreht der Film zum Ende hin wirklich ab, was mir als alter Trashliebhaber natürlich überaus gut gefiel. Die Referenz auf Kafkas Verwandlung in der letzten Szene ist auch ein Brüller.
Wie schon angekündigt, in einer neuen Serie werde ich nun wöchentlich einen Film empfehlen, der sich besonders durch seine visuellen, d.h. szenischen, photographischen und ästhetischen Qualitäten auszeichnet. Die Woche ist es Days of Heaven von Terrence Malick (1978).
Terrence Malick gilt als einer der wenigen philosophischen Filmschaffenden in Hollywood, der ganze Generationen junger Regisseure prägte. Sein wohl bekanntestes Werk ist The Thin Red Line. Ganz Besonders seine langen und intensiven Naturszenen, der ruhige Erzählstil und die ewige Frage nach der conditio humana sind Markenzeichen seiner Filme. An Days of Heaven nun ist die Arbeit mit natürlichem Licht so besonders. Es wurde so weit wie möglich auf künstliche Beleuchtung verzichtet und hauptsächlich während der Morgen- und Abendstunden gedreht. Damit verkürzte sich die Drehzeit auf ein tägliches Maximum von gerade mal einer Stunde. Die Montage dauert ganze zwei Jahre. Und am Ende kam nichts weniger als ein Meisterwerk der Filmkunst dabei heraus. Scorcese bemerkte einmal über den Film, dass man jedes Einzelbild dieses Films vergrößern und in einem Museum ausstellen könnte.
Ich habe mir vorgenommen nun wöchentlich einen Film zu empfehlen, der besonders visuell absolut hervorragend umgesetzt ist. Will heißen, dass sich dieser nicht unbedingt durch eine spannende Geschichte, unglaubliche schauspielerische Leistungen oder ein besonders tiefgründiges Skript auszeichnen muss. Im Vordergrund stehen hier besonders dessen visuelle bzw. ästhetische Qualitäten. Ich versuche allerdings eine Schnittmenge anzustreben, die auch erstere Merkmale berücksichtigt. Oft werden dies eben nicht neue, sondern ältere Filme bis hin zu Klassikern sein und teilweise vielleicht auch solche, die die Wenigsten kennen mögen. Los geht’s jedoch mit einem sehr bekannten Streifen und einem meiner absoluten Lieblingsfilme (mind. ein halbes Dutzend mal gesehen und die nächste Beschauung steht kurz bevor): Taxi Driver von Martin Scorcese (1976).
Dieser Film ist u.a. so hervorragend, da hier eine ganz seltene Kombination kreativer Genies zusammenwirkte. Außerdem ranken sich um den Film ein Vielzahl von Geschichten und Legenden. So hat Paul Schrader zum Beispiel das Drehbuch innerhalb weniger Nächte meist betrunken und vollkommen verzweifelt in seinem Auto geschrieben, da er gerade wohnungslos war. Robert De Niro indes bereitete sich auf die Hauptrolle vor, in dem er während der Drehpausen des Films, an welchem er zu dieser Zeit noch mitwirkte, nach New York flog, um dort tatsächlich Taxi zu fahren. Die letzte und sehr gewalttätige Sequenz des Films wurde damals in ihrem visuellen Gehalt abgeschwächt, um der Zensur zu entgehen. Da man nicht schneiden wollte, reduzierte man in der Postproduktion einfach die Farbsättigung. Im Original müssen die Szenen wie ein Gemälde von Hieronymus Bosch gewirkt haben.