“Comics machen einfach mehr Spaß” | Interview mit Frank Wochatz von “Comics & Graphics”

Frank Wochatz erfüllte sich mit seinem Laden „Comics & Graphics“ im Prenzlauer Berg einen Traum, den wohl so mancher Junge träumt. Innerhalb kürzester Zeit etablierte er sich mit seinem gut sortierten Angebot, hat viele Stammkunden gewonnen und sein Angebot stetig ausgebaut. Jedem Freund dieser sequenziellen Kunst kann ich einen Besuch bei “Comics & Graphics” nur empfehlen. Für unsere Verlosungsaktion hat uns Frank 1 Komplettpaket der Gratis-Comic-Tag-Hefte zur Verfügung gestellt und wir haben ihn zu seiner Passion befragt.

Frank, du hast Architektur studiert und betreibst jetzt einen Comicladen – wie kam es dazu?

Architektur ist interessant, die Tätigkeit eines Architekten hat mitunter nur noch wenig damit zu tun. Und da sich in meinen Leben gerade mal was ändern musste, und es ja durchaus Verbindungen zwischen beiden Bereichen (z.B. Grafik) gibt, kam es wie es kommen musste ;-) Comics machen auch einfach mehr Spaß.

Mit welcher Philosophie führst du “Comics & Graphics” und wählst dein Angebot aus?

Der Laden ist schon kundenorientiert und soll nicht so eine Art Guru-Laden sein, wo nur eingeweihte eine Frage stellen dürfen. Von Anfang an habe ich auf gute Präsentation gesetzt – Comics zum Anfassen und Blättern, und nicht in Kisten gestapelt. Ich lese Comics, lese aber auch sehr viel über Comics. Das Angebot wähle ich einerseits entsprechend der Nachfrage der Kunden, andererseits auch danach, was ich selbst für interessant erachte aus. Alben und Graphic Novels bilden den Schwerpunkt des Sortiments.

Du führst auch antiquarische Comics, übernimmst Rechercheaufträge und versuchst, vergriffene Comics für deine Kunden zu beschaffen. Öffne mal die Schatzkiste – welche Raritäten hast du schon auftreiben können und was war die spektakulärste Anfrage, die an dich herangetragen wurde?

Manchmal kommen Leute, die suchen bestimmte Folgen einer Serie. Das sind in der Regel Leute, die Fulltimejobs und eher ein Zeit- als ein Geldproblem haben. Ich habe da ganz gute kollegiale Kontakte zu anderen Antiquariaten, und gelegentlich lassen sich die Sachen auftreiben.

Die spektakulärsten Hefte, die wir mal verkauft haben waren sicherlich Mad-Magazin Nr. 1 von 1967 und das erste Micky Maus Heft von 1951 ‚ beide in sehr gutem Zustand. Für solche Museumsstücke gehen dann durchaus vierstellige Beträge über den Tisch. Aber sowas hat man einmal im Jahr. Unser Kerngeschäft liegt bei Neuware. Die meisten meiner Kunden sind eher begeisterte Leser als Sammler. Und das ist auch gut so.

Mit welchen Comics bist du selbst aufgewachsen, wer waren die Helden deiner Kindheit und Jugend?

Ich kam auf der falschen Seite der Mauer zur Welt, so dass ich in meiner Kindheit nur eingeschränkten Zugriff auf Comics hatte. Comics mussten damals geschmuggelt werden. Ich war als Kind ein paar mal in Ungarn, da gab es deutschsprachige Comics am Kiosk, das war schon der Wahnsinn. Wir hatten natürlich das Mosaik, Fix und Foxi, einige Lustige Taschenbücher, und ich erinnere mich noch gut an einige Ausgaben von “Phantom”, der war damals ziemlich heiß. Er hatte einen Totenkopfring. ;) Später habe ich franko-belgische Comics wie Asterix gelesen und ich habe natürlich alle Lucky Luke Alben.

Und welchen Stil bevorzugst du heute?

Mein Lesespektrum ist sehr breit, aber Vorlieben habe ich für franko-belgische Comics (klassisch und modern) oder US-Independent. Phantastische Stoffe reizen mich besonders.

Wer sind für dich aktuell die spannendsten Künstler, besten Hefte bzw. Novellen, die innovativsten Verlage?

Oh, das könnte jetzt eine lange Liste werden. Meine drei Lieblingszeichnerr sind Mike Mignola (Hellboy), Schuiten (Die geheimnisvollen Städte) und Shaun Tan (The Arrivel). Zwei der innovativen Verlage sind Avant und Reprodukt, die sehr experimentierfreudig sind und den Comic als Medium bereichern. Splitter und Cross Cult machen einen hervorragenden Job im Entertainmentbereich. Splitter hat die Albenszene praktisch reanimiert, Cross Cult verlegt u.a. US-Comic-Perlen, da gibt es viel zu entdecken. Meinen Hut ziehe ich auch vor kleinen Verlagen wie Salleck oder Schreiber & Leser, die kontinuierlich sehr gutes Material publizieren. Und Carlsen oder Fantagraphics sind nicht nur Label, sondern für mich auch Qualitätssiegel für guten Stoff. Spannend finde ich auch, wie viel Gespür einige Verlage z.B. bei der Gestaltung von Reprints alter Klassiker an den Tag legen und was da für tolle Bücher raus kommen, die auch haptisch ein Erlebnis sind. Da spürt man Begeisterung. Spannende Trends sind für mich Restrofuturistik (z.B. “Steam Noir”von Felix Mertikat), oder New Weird (z.B. “Trommelfels” von Marijpol).

Auf welche Veröffentlichungen freust du dich in nächster Zeit am meisten?

Ich freue mich z.B. auf “Orbital” Teil 5 (eine großartiges Science-Fiction-Alien-Spektakel), auf die Fortsetzung von “Koma”, einer wunderbaren, melancholischen und retrofuturistischen Geschichte, auf die Neuauflage einiger Klassiker wie “Valerian und Veronique”.

Hand aufs Herz, Marvel oder DC?

Ohne jemanden den Spaß an diesen Comics verderben zu wollen: ich hatte nie viel für den Superheldencomic der beiden Major-Labels übrig. Die interessanten, innovativen Sachen passieren heute bei anderen Verlagen, die halt nicht den gleichen Teebeutel immer wieder neu aufgießen. Wobei ich die neuen Batman-Filme beispielsweise schon sehr genial finde.

Vielen Dank für das Gespräch und vor allem auch, dass du uns ein Paket der Gratis-Comic-Tag-Hefte zur Verfügung gestellt hast!