Es gibt ein sehr schönes Interview mit Terry Gilliam und Terry Jones zusammen mit einer französischen Journalistin, in dem sie Gilliam fragt, ob er die Leute verstören und ihnen mitteilen wolle, dass sie nicht sicher seien? Gilliam antwortet darauf: „Das Problem ist, dass wir nicht sicher sind!“ Nach einem Seitenhieb auf die amerikanische Administration fährt er fort: „Die Menschen sind einander egal. Sie wollen Geld verdienen. Über ihre Aktien nachdenken, die Zuknuft planen“.
In diesem Fahrwasser schwimmt auch Gilliam’s neuer Film The Imaginarium of Doctor Parnassus.
Den ganzen Film über wird Kritik an einer Existenzbestimmung geübt, die sich allem voran durch Besitz definiert: Der Mensch als Summe seines angehäuften Materials. Ein Ton, der in den westlich-kapitalistischen Nationen schon seit einigen Jahren (wenn nicht Jahrzehnten) immer öfter angeschlagen wird. Die kritischen Fäden werden in diesem Film allerdings subtil in das Gesamtkonstrukt eingewoben wirken dadurch aber nicht minder heftig. Im Gegenteil, der surreale, traumatische Stil forciert die kritischen Äußerungen und sorgt dafür, dass diese sich nicht in einseitigen Plattitüden auflösen.
So blendet der Film zum Beispiel auf einem Obdachlosen auf und endet mit der verwahrlosten Gestalt des im Titel benannten Doktors, der durch ein Restaurantfenster seine Tochter beobachtet, die endlich ein glückliches, ganz normales Leben führt, von dem sie über den Film hinweg träumt, wenn sie sehnsüchtig die Bilder von ‘glücklichen’ Familien, die so ganz im normativen Einerlei schwelgen, im ikeatypischen Möbelhauskatalog betrachtet. Doch auch der Doktor findet seinen Ausweg aus der persönlichen Verwahrlosung und dem endlosen Raum der Traumwelten, indem er mit Hilfe seines Gnoms (not a midget!) die große Geschichte in einem winzigen papiernen Raum darbietet. Einer Kartonbühne zum selbst entfalten (eine wunderbare visuelle Metapher), die man selbst ‘bespielen’ kann.
Nein, der singulär erhobene Zeigefinger war noch nie Gilliam’s Art, was sich gerade daran ablesen lässt, dass die Tochter des großen Geschichtenerzählers und Weltenbummlers, die in einer von Material befreiten Phantasiewelt aufwächst, sich eben nichts mehr wünscht, als ein ganz normales Leben zu führen (der Großteil der Filme zeigt ja eher ganz „normale“ Menschen, die nichts anderes wollen, als in eine Phantasiewelt zu flüchten, um ihr leeres und fades Leben mit solcher anzureichern.). Eigentlich bemängelt Gilliam den Verlust der Geschichten im Allgemeinen, die Aushöhlung der Erzählungen und deren Verkommen zu reinen Funktionen marktwirtschaftlicher und egomanischer Interessen. Zeitweise hat mich der Film sehr an die Geschichten Michael Endes erinnert, besonders die Unendliche Geschichte, in der Phantasie sich auflöst, weil die Menschen in ihrer Hetze und Gewinnsucht vergessen zu träumen. Die große Erlösung des Kabinetts, in der die Besucher ‘hinter dem Spiegel’ und Kraft der Gedankenwelt des Doktors wieder zu sich selbst zu finden vermögen, liegt gerade im Verzicht, in der materiellen Selbstaufgabe.
Gilliam’s Film ist allerdings noch um einiges vielschichtiger. So lässt er immer wieder das Absurde zu seinem Recht kommen und übt Kritik vor allem dann, wenn er verschiedene Welten ineinander verschiebt, sie in sich zusammen fallen lässt. Die russischen Mafiosi werden in einer Traumwelt etwa dazu animiert auf die Seite der Gesetzeshüter zu wechseln, die hier in einer pythonesken Tanznummer die Gangster mit dem Argument locken wollen, dass sie bei der Polizei eigentlich die gleiche Brutalität an den Tag legen können, wie sie es auch in ihrem momentanen Umgang gewohnt sind. Hinter den hüpfenden Vertretern der staatlichen Exekutive sehen wir in großen Lettern die programmatische Aufforderung: Join the Fuzz – We love Violence! Schonungslose Kritik surreal aufbereitet. Im Verlauf des Films wird noch der Ekel an den gesellschaftlichen Wohltätigkeitsritualen herrlich kompromisslos in Szene gesetzt, im Zuge derer sich mediengeile Egozentriker eine goldene Nase verdienen und die Ärmsten der Armen nur so lange im Zentrum des Interesses stehen, wie die Kameras laufen. Danach zerbricht die Welt des schönen Scheins, und der selbstsüchtige Wohltätigkeitsbetrüger wird nach seiner Entlarvung von einem Lynchmob gen vorbereiteten Galgen gehetzt. Dort wird selbiger dann rituell hingerichtet. Ist dies Geschehen, zerfällt die spontan entstandene Hetzmasse wieder in ihre Einzelteile und strebt befriedigt auseinander – der nächste Seitenhieb auf den nächsten ekligen gesellschaftlichen Ritus, nämlich des Sündenbockmechanismus, der hier sehr plakativ im Sinne einer mittelalterlichen Hinrichtungszeremonie visualisiert wird. Doch in Gilliam’s Filmen hat man stets die Wahl. Nicht zwischen Gut und Böse, im Übrigen ein weiterer Mythos, den der Regisseur im Wechselspiel zwischen Christopher Plummer und Tom Waits aushöhlt, sondern zwischen einer Welt und allen Welten, zwischen einer Geschichte und allen Geschichten sowie deren Funktion entweder als Bereicherung des Lebens oder Aushöhlung im Sinne von Marktinteressen und sturer Ideologie.
„In erfolgreichen Filmen ist immer alles in Ordnung“, stellt Gilliam im oben erwähnten Interview fest. In seinen Filmen hingegen dominiert der Riss, eine klaffende Wunde in der gesellschaftlich konstruierten Realität, die nicht zuletzt Hoffnung verspricht. Ein signifikantes Merkmal, das sich durch alle seine Werke zieht. Eigentlich weiß man in Gilliam’s Universen nie so ganz, wo und wer man gerade ist. Ob man mit den Time Bandits durch die Mythen und Geschichten der Kindertage springt, die dann so ganz anders aussehen als man eigentlich erwarten würde, sich plötzlich ruhig gestellt im Irrenhaus wieder findet oder mit Raoul Duke und seinem Anwalt Dr. Gonzo sich von einem visuellen Rausch zum nächsten schleppt. Irgendwo wacht man immer auf, mal mit und mal ohne umgeschnallten Reptilienschwanz und fragt sich: Was zur Hölle ist passiert? Und selbst in der schlimmsten Dystopie hilft uns die Phantasie noch zu entkommen und die realen Wunden heilen.
Noch einige Anmerkungen zum Design. Gilliam ist für seine unglaublich aufwendigen Setdesigns bekannt. Hier arbeitet er zumeist mit echtem Materialien und verzichtet weitestgehend auf CGI. In diesem Film hat er deutliche Zugeständnisse an die moderne Computervisualisierung gemacht. Das kann als Fan seiner Filme zunächst verstörend wirken. Ich hingegen begreife diese Verstörung als gewollt und zusätzlichen Mehrwert, da er die mittels CGI generierten Welten ins comichafte überzeichnet und gegen den herrschenden Trend diese nicht so realistisch wie möglich inszeniert. Das bühnenhafte des Theaters ist trotzdem in nahezu jeder Einstellung deutlich zu spüren und zu sehen. So bleibt Gilliam nicht nur seiner Gestaltungskunst treu, sondern erweitert diese um die zeitgenössischen Mittel visueller Erzählkunst.
Und zuletzt bleibt noch anzumerken, dass es für mein Empfinden eine große Leistung darstellt, dass dieser Film tatsächlich fertig gestellt wurde, bedenkt man, dass einer der Hauptcharaktere, Heath Ledger, noch während der Dreharbeiten starb. Doch Gilliam hat auch hier aus der Not eine Tugend gemacht, das bereits abgedrehte Material trotzdem verwendet und einfach anstelle eines weiteren Stars gleich drei in die Produktion geholt. So wird der Charakter des Tony nicht nur von Heath Ledger, sondern auch noch von Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell beseelt, was dem übergeordneten Konzept des Wechselspiels hervorragend entspricht.
Ich habe den Film zumindest sehr genossen und wünsche mir mehr derlei Werke, die für eine Phantasie jenseits reiner Kommerzialität plädieren und den Zuschauer zum Selbstentwurf verführen an Stelle diesen zu diktieren.






2 Reaktionen
16. Februar 2010, 12:57 Uhr
Ein schöner bunter Film welcher allein am Ende etwas abfällt sonst aber besonders visuell überzeugt.
11. Januar 2011, 17:36 Uhr
[...] The Imaginarium of Doctor Parnassus [...]