Wenn man mit dem S spielt – Logocontest für Steinmeier beendet

Matias Roskos
24. März 2009, 08:18 Uhr, 8 Reaktionen

Darf man es schon einen Eklat nennen? Oder ist es nur ein peinlicher fauxpas? Oder wird hierzulande mal wieder übertrieben?

[Bitte die Nachträge unten beachten.]

Die geschlossene Jovoto-Plattform hatte ihre Studenten aufgerufen ein Logo für die Wahlkampagne von Frank-Walter Steinmeier zu suchen. Und der Siegerentwurf schaut so aus:

Steinmeier-Logo

Mein erster Gedanke war: “Nein – das kann nicht wahr sein. Wie kann man nur auf SO eine Idee kommen?” Und noch viel wichtiger: wie kann man SO eine Idee auch noch gewinnen lassen?

Wenn ich beim Branding für einen Politiker oder eine Partei hierzulande mit einem “S” arbeite, muss ich nunmal super vorsichtig sein. Zu viel Schlimmes ist unter einem solchen Label in Deutschland in der Vergangenheit geschehen. Diese Sensibilität ist unbedingt notwendig, auch wenn einige Trottel das nicht mehr wahr haben wollen. Aber das “S” ist natürlich nicht verboten. Ich spreche nur von Sensibilität. Doch die fehlt aus meiner Sicht bei diesem Entwurf vollkommen, so Leid es mir für das junge Startup aus Berlin tut.

Ich zitiere einfach mal ein paar Kommentatoren aus dem Jusos-Artikel und auch aus dem Designtagebuch um zu zeigen, ich bin mit meiner Meinung nicht allein. Dort heißt es:

Die Dummheit und Kulturlosigkeit hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Ich bin entsetzt über den Entwurf des Gewinners. Die Nähe zu den SS-Runen ist offensichtlich und sorgt bei mir sofort für ein Gefühl der Übelkeit.

sagt ein Robert.

Es geht ja auch gar nicht darum ob da “eindeutig” SS Runen zu sehen sind (Sind sie in meinen Augen nicht, auch wenn mir der Gedanke auch recht schnell kam) – es ist schon schlimm genug wenn diese einer nicht zu leugnenden Menge Menschen (Siehe Beiträge in diversen Foren) diese in den Sinn kommen. gerade in Zusammenhang mit Politik, der deutschen Fahne (die hier auch schon mal verkehrt herum aufgehängt werden darf, wir sind ja tolerant) muss (sollte) man solche Assoziationen um jeden Preis vermeiden.

sagt ein Jörg völlig richtig.

Wenn in diversen Foren jeweils zweidrittel der Kommentare darauf hinweisen, dass da eindeutig SS-Runen zu sehen sind, kann man wohl kaum von “Herbeireden” sprechen. Es geht eher darum, dass man hier “darüber hinweg” denkt.

meint Alpha-Hasi.

Und auch im Designtagebuch finden sich vieler solcher Kommentare:

Die Ähnlichkeit zu S-Runen ist vielleicht nicht beabsichtigt, aber mir zumindest ists direkt aufgefallen. (Und nein, ich habe keinen besonderen Bezug dazu ;-)

sagt ein Andi.

Ich muß sagen, daß mich die platzierung verwirrt. eigentlich bin ich kein Freund dieser “wir haben aus historischen Gegebenheiten uns gegenüber diesem und jenem so und so zu verhalten”. Aber die Assoziationen die bereits gefallen sind, hatte auch ich beim ersten Anblick.
Auch frage ich mich, was außer dem ersten Logo links oben die anderen 3 sollen – das erinnert so an diese eine Nachrichtensendung zu Olympia?Biathlon?Wintersport? wo ein Scherzkeks die Deutschlandfahne “andersrum” geschwungen hatte.
Wenn schon Steinmeier dieses Logo nicht nutzt, so haben doch wenigstens die Skinheads Sächsische Schweiz einen schönen Entwurf – für lau ;-)
Mir haben andere Entwürfe auf der Webseite auf den ersten Blick besser gefallen – schade!

meint wiederum ein Andreas.

Es gibt natürlich auch andere Meinungen. Wir sollen aufhören für uns was zu schämen, mit dem wir nichts zu tun haben. Schon richtig. Aber: SENSIBILITÄT! Um nichts anderes geht es. Und die ist hier leider verloren gegangen. Hier hätte man vor allem auch von Seiten der Plattformbetreiber aus meiner Sicht anders und vor allem frühzeitig reagieren müssen. Gutes Communitymanagement ist immens wichtig beim Crowdsourcing. Vielleicht sollte man beim Kreativ-Crowdsourcing auch ganz auf das Herumexperimentieren mit Logos verzichten? Dieses Herzstück einer Corporate Identity bedarf womöglich deutlich mehr Feingefühl wie das Design auf einem Fashion-Artikel, ein Handy-Wallpaper, ein Online-Werbebanner oder ein Konzert-Plakat.

Aber so ein kleiner Miniskandal kann manchmal ja PR-technisch auch ganz hilfreich sein, nicht wahr?! ;) Die Frage ist nur: für wen!

[Nachtrag]
Bei Jovoto diskutiert man aktuell über den Sieger (Stand 24.9.2009, 12 Uhr)
Aber auch in den Kommentaren auf Jovoto wurde das Thema angerissen. Ich finde die Reaktion des Grafikers sehr gut und souverän. Er schreibt dort in den Kommentaren zu seinem Logo:

zum einen ist es vielleicht ein bisschen weit hergeholt. KISS haben auch keine nazimusik gemacht. und die SPD und vorallem steinmeier nach rechts zu rücken scheint so abwegig, dass wohl kaum jemand diesen gedanken ernsthaft in betracht ziehen würde. aber da sich das logo ja im kontext politik bewegen würde, muss es sich natürlich gegen solche vorwürfe absichern. ich kann mir durchaus vorstellen, dass dies bei einer umsetzung am ende zum beispiel in typografie- oder politikblogs zum thema werden würde. Im wahlkampf wird sicher auch wieder in den unteren schubladen gekramt.
ursprünglich hatte ich drei entwürfe zu dieser idee. die beiden anderen hatten abgerundete und abgeschrägte ecken. bei diesen geht die zu erahnende SS anmutung sofort verloren. diesen entwurf habe ich dann allein deshalb ausgewählt, weil ich einige animationsexperimente damit versucht hatte. leider habe ich dann nicht mehr geschafft die animationen vor ende der deadline hochzuladen. man könnte oder sollte vielleicht dann zur sicherheit auch doch lieber auf diese abgerundeten bzw abgeschrägten entwürfe wechseln.
in jedem fall ist die diskussion sehr interssant und es würde spaß und sinn machen auch andere einreichung aber auch bereits existierende politiklogos daraufhin zu überprüfen.

[Nachtrag 2]
Hier ein Kommentar von einem Jürgen im Deisgntagebuch, der das ganze Problem perfekt auf den Punkt bringt:

Ich wüsste nicht warum man sich von dieser Vergangenheit lösen sollte? Abgesehen davon das das schlichtweg nicht möglich ist da man die Vergangenes nicht ungeschehen machen kann warum sollte man Geschichte ignorieren? Ein kluge Gesellschaft lernt aus ihrer Geschichte um sich selbst ein bessere Zukunft gestalten zu können. Insofern finde ich persönlich es keineswegs falsch Geschehenes präsent zu halten.
Tatsache ist das die Bilder der Nazizeit mittels Geschichtsunterricht und Medien in den Köpfen vieler hierzulande sehr deutlich sind. Es hilft nichts die Betrachter des Logos zu kritisieren weil sie bestimmte Dinge assoziieren – das könnte vielleicht ein Künstler tun, ein Kommunikationsdesigner hat diese Assoziationsmöglichkeiten zu berücksichtigen und sollte sich nicht beschweren wenn seine “Sprache” missverstanden wird, denn dies offenbart nur die Schwächen seines Werks.
Ich kann mir gut vorstellen das die Gestalter nicht im entferntesten etwas Runenartiges im Sinn hatten, diese Art Betriebsblindheit ist mir leider auch nicht unbekannt. Leider stellt sich heraus das eine gar nicht kleine Menge Menschen spontan an die Verwandschaft des Logos zum Waffen-SS-Emblem denken muss – Das lässt sich nunmal nicht wegdiskutieren, und ist somit ein wirksames Todesurteil für das ganze Zeichen, völlig ungeachtet irgendwelcher technischer Details – diese Nazi Assoziation ist DAS Totschlagargument an dem sich (zumindest für ein Logo im politischen Kontext) jede weitere Diskussion erübrigt.

Um aber doch noch ein paar Details anzusprechen: Ich wundere mich über die Reihenfolge der Deutschen Farben, die “Härte” (die den technokratischen Ruf Steinmeiers aber doch gut darstellt), die drei “S” denen irgendwie der inhaltliche Rückhalt fehlt und vor allem den fehlenden Bezug zur Partei – für sich betrachtet sieht es aus als wäre Steinmeier endgültig bei der CDU gelandet. Aber da es sich dabei um einen Wettbewerb handelt wäre ja ein wenig Feinarbeit in den Details sicher noch drin gewesen (Wäre da nicht die böse Rune…)

Nichts mehr hinzu zu fügen.

[Nachtrag 3]
24.3.2009, 14 Uhr
Nun wurde dieses Logo auch ganz offiziell bei Jovoto als Sieger verkündet.
Die dortige Argumentation halte ich aber für nicht sonderlich gelungen. Sorry, Jungs.

[Nachtrag 4]
Auch in anderen Blogs sieht man es ähnlich. So zum Beispiel beim Stilpiraten.

[Nachtrag 5]
27.3.2009 9 Uhr
Ich warte jetzt seit genau 46 Stunden darauf, das ein kritischer Kommentar von mir im Jovoto-Blog freigeschaltet wird. So kann man natürlich auch mit Kritik umgehen.
Ich habe dort geschrieben: “Wie schon in meinem Blogbeitrag (http://www.visualblog.de/?p=2615) deutlich gesagt: dieser Gewinner geht gar nicht.
Nicht weil das Logo an sich schlecht wäre.
Aber nur der Hauch einer möglichen Nähe zum Nationalsozialismus verbietet sich bei einem Politiker, egal welcher Partei, von selbst.
Damit hätte man sensibler umgehen sollen, ja sogar müssen wie ich finde.
Solche Entscheidungen tun dem Thema Crowdsourcing hier in Deutschland nicht gut und bewirken eher, das andere davon leider die Finger lassen.”

[Nachtrag 6]
Und auch im Fontblog wird heftig über dieses Themav diskutiert: “Frank-Walter Steinmeier tappt in Crowdsourcing-Falle“.
Ein gefundenes Fressen für Crowdsourcing-Ablehner. Dankeschön, Jovoto!
Meine Kommentare wurden übrigens im Jovoto-Blog noch immer nicht freigegeben. Find ich eine Frechheit. Gut, das ich Screenshots gemacht habe. Werd ich die Tage mal zum Anlass für einen Blogbeitrag nutzen unter dem Motto “Wie man Crowdsourcing NICHT machen sollte”.



Über den Autor

Matias Roskos
2704 Beiträge

Matias Roskos ist der Gründer des VisualBlog. Neben seiner Tätigkeit als Blogger ist er noch Inhaber von Deutschlands erster Community- und Crowdsourcing-Agentur VOdA. Als Crowdsourcing-Evangelist beschäftigt er sich als Redner und Autor mit dem Thema Open Innovation, Crowdsourcing und Socialnetworkstrategien. Er schreibt für diverse andere Webprojekte und betreibt das Fachblog Socialnetworkstrategien.de

8 Reaktionen

  1. Kommentar von martin
    24. März 2009, 11:38 Uhr

    Hm… ich glaube da sollten alle Designer mal über den tellerrand schauen. Mir als Nicht-Designer ist da spontan keine Ähnlichkeit aufgefallen und auch beim direkten Vergleich mit der Wikipedia will sich die Ähnlichkeit nicht wirklich einstellen.

    Das wir das Steinmeier-Logo trotz alledem nicht gefällt, geschenkt ;)

  2. Kommentar von Malte
    24. März 2009, 12:58 Uhr

    Sowas dummes aber auch. Wie kann man als Grafiker nur so denken?
    Es ist ein S! Ein Buchstabe. Ein Buchstabe, der in keinster Richtung der SS-Rune ähnelt. Da ähnelt ja das Sparkassen-S noch eher.
    So eine Blickweise ist für mich nicht verständlich. Genau wie viele meinen, dass man Frakturschrift nicht benutzen darf, weil sie an das Dritte Reich erinnert.
    Unglaublich, wie man sich darüber aufregen kann. Dieses Logo ist super gelungen und hat zurecht gewonnen.

  3. Kommentar von Matias Roskos
    24. März 2009, 14:15 Uhr

    Tut mir Leid Malte. Da muss ich dir vehement widersprechen.
    Ja, es ist nur ein “S”. Aber für viele weckt es so, wie es verwendet wurde bestimmte Assoziationen. Ich habe gerade beim Mittag zwei Freunden, die keine Grafiker sind und die Story noch nicht kannten das Logo gezeigt und sie gefragt, was sie dazu meinen. Und beide sagten “Hat ein bissel was von Nazi-Symbolik, was?”

    Und es geht hier um das Logo für einen Politiker. Da verbietet sich auch nur der Hauch einer Assoziation in Richtung drittes Reich.

    Das sagt nichts über die Qualität des Logos. Darum gehts auch nicht. Aber eine Nähe zur Waffen-SS, auch wenn sie nur bei jedem zehnten der es sieht auftauchen würde, wäre schon ein absolutes No-Go.

  4. Kommentar von Sebastian
    24. März 2009, 21:45 Uhr

    Salut,
    hier ein paar Fakten für die jenigen nicht die nicht Mitlglieder von Jovoto sind und somit nicht die Möglichkeit haben sich ein genaues Bild der Beiträge und auch des Siegerlogos zu machen.

    1. Auf dem hier hochgeladenen Bild seht ihr lediglich 4 Frames einer Animation. Das erklärt auch die Veränderung der Farbreihenfolge.

    2. Es gibt von dieser Einsendung Versionen mit abgeschrägten bzw. abgerundeten Ecken also ohnen den “Runeneffekt”.

    3. Die Textreihenfolge sollte wohl auch nur ein Beispiel sein.

    Für Jovoto ist es manchmal nicht so ganz leicht die Ergebnisse ihrer Wettbewerbe in die weite Welt hinauszuschicken. Da die weite Welt solch einzelne Bilder selten in den Kontext eines Wettbewerbs innerhalb einer geschlossenen community setzen kann. Aber daran wird man sicher arbeiten. Zum Beispiel könnte den Siegern eine kleine Frist eingeräumt werden um ihre Entwürfe zu überarbeiten und vielleicht ein einzelnes blogbereites Bild zu setzen.

  5. Kommentar von Thomas Koll
    24. März 2009, 23:15 Uhr

    @Matias: Was wäre denn eine Alternative für die Jungs von Jovoto? Partizipationsversprechen geben und dann zensieren nur weil irgendwer außerhalb der Community anderer Meinung ist? Was ist denn das für ein Community-Management? In dem Punkt würde ich Dir dann doch widersprechen.

    An den von Dir aufgezeigten Kommentaren aus der Community sieht man doch, dass dort ebenfalls alle notwendigen Erkenntnisse für die SPD generiert wurden, um die Assoziation bei der Auswahl des Logos zu berücksichtigen.

    Ich schließe mich Jürgen aber auf jeden Fall an.

  6. Kommentar von Matias Roskos
    24. März 2009, 23:34 Uhr

    Wie die Alternative ausgesehen haette?
    Da gibt es mehrere Stellen an denen das Communitymanagement Versabt hat.
    1. Die Einsendung haette so nicht frei gegeben werden duerfen.
    2. Als auf Jovoto der erste Kommentar zur Nazizeit kam, haette man erneut reagieren koennen, nein sogar muessen. Man hat immer zuerst eine Verantwortung gegenueber dem Kunden.
    3. Das Jovoto- System, das allein die Community entscheidet, hat sich als unbrauchbar erwiesen meiner Meinung nach.
    Darum empfehlen wir unseren Kunden immer eine Jury als Letzte instanz. Dann kann so etwas nicht passieren.

  7. Kommentar von Matias Roskos
    25. März 2009, 09:42 Uhr

    Der Grundfehler liegt aber darin den Contest in dieser Form initiiert zu haben.
    Ich haette dem Kunden abgeraten einen Logo-Contest zu machen. Wir haetten uns was Passenderes und Humorvolleres ausgedacht. Ein Logo ist immer so eine Sache und passt nicht wirklich zu einem Politiker wie Herrn Steinmeier.
    Das ist irgendwie so gewollt. Und dann kommt sowas bei raus…

  8. Kommentar von Dirk
    15. Juni 2009, 23:13 Uhr

    Matias Roskos” Das Jovoto- System, das allein die Community entscheidet, hat sich als unbrauchbar erwiesen meiner Meinung nach.”

    Halte ich auch für absolut blödsinnig. Es ist doch klar, dass ich als Teilnehmer meinem Mitkonkurrenten nicht die bestmögliche Punktzahl vergebe. Und dass es da auch Grüppchen gibt , die sich kennen und sich dann gegenseitig gute Bewertungen geben .
    Und das soll dann objektiv und neutral sein? Lächerlich.

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