Berlin Be.klaut? Be Berlin rockt immer weniger
Darum: Wir SIND Be.rlin

Matias Roskos
20. März 2008, 11:49 Uhr, 3 Reaktionen
Kategorie: Allgemein

Man – da ist eine Menge passiert in den letzten Tagen rund um die vermaledeite Be Berlin Kampagne, von der auch wir (als echte Berliner) nicht wirklich begeistert sind.

Plagiatsvorwürfe von Justberlin

Da gibt es Plagiatsvorwürfe eines Freelancer-Teams, die die Idee für Justberlin hatten. Patrick Breitenbach vom Werbeblogger, den ich sehr zu schätzen gelernt habe, unterstützt die beiden in ihrem Bemühen Aufklärung zu erhalten. Folgende Beiträge beim Werbeblogger sollte man sich durchlesen bzw. anhören:

  • Interview beim Werbeblogger mit Andrea Horn von “Just Be.rlin”
  • Werbeblogger: “be berlin nur dreist geklaut?!” (Zitat: “Ob das natürlich alles so stimmt, oder ob mal wieder rein zufällig sehr ähnliche Ideen entstanden sind (immer ein mögliches Problem solcher großen Contests), kann ich an der Stelle nicht beweisen”)
  • Cui bono Be-Berlin? (“Merke: Je weniger Transparenz, desto höher die Gefahr von Verschwörungstheorien”)
  • Brief von Herrn Prof. Pläcking auf Werbeblogger.de (“Die Einsendungen der Auschreibung wurden nach dem Einsendeschluss von Beamten der Senatskanzlei geöffnet, auf Richtigkeit und Vollständigkeit geprüft, nummeriert und mir im Rathaus übergeben, wo ich für den Zeitraum der Auswertung einen Arbeitsplatz hatte.
    300 Teams und Einzelpersonen haben Vorschläge eingereicht. Insgesamt waren darunter ca.900 Slogans. Der Slogan „be berlin/sei berlin“ wurde von vier verschiedenen Teams vorgeschlagen.

    Hier hat niemand plagiiert.
    Es tut mir leid für Frau Horn, aber aus reiner Enttäuschung anderen Plagiat zu unterstellen und mir Unlauterkeit, ist nicht ok.
    Mit besten Grüssen aus Berlin,
    Ihr Jochen Pläcking”)

Also ganz ehrlich – wenn ich mir den Vergleich auf Justberlin anschaue, kann ich da nicht wirklich ein Plagiat erkennen. Sorry. Und klar – bei 300 Einsendungen gibt es unendlich viele Überschneidungen. Viele Menschen haben oft ähnliche Ideen.

Natürlich ist es ärgerlich, wenn man mal wieder den Eindruck hat, das fröhlich gekungelt wurde und die Großen fette Etats unter sich aufteilen. Das ist in Berlin nicht anders wie in Köln, München oder Hamburg. Und auch ich würde mir wünschen, das junge Kreativ-Teams eine echte Chance bekommen. Aber dass Embassy die Idee bei Justberlin geklaut hat, ist doch albern aus meiner Sicht. Glaub ich nicht, kann ich nicht erkennen.

Was mich traurig macht an “Be Berlin”

Was mich an der Kampagne aber viel mehr stört, sind zwei andere Punkte. Zum einen ist es diese gruselige Flash-Internetseite, auf der man nichts lesen kann. Was soll das? Wunderbar bissig hat das auch Johnny Häusler von Spreeblick kommentiert. Schaut so eine Webpräsenz aus, die möglichst viele Menschen erreichen soll? Nein. Ich schätze mal 60 bis 70 Prozent finden sich auf dieser unübersichtlichen Seite nicht zurecht. Man will Otto-Normal-User erreichen und baut eine Webseite wie für Internet-Nerds. Und dazu noch mit unleserlichen Texten. Traurig.

Und was mich als Zweites ganz gewaltig stört, ist dieser Unterton “Los ihr Berliner, zeigt euch mal”. Das kann eigentlich nur von Zugezogenen Neu-Berlinern kommen, richtig? Was soll das? Berlin ist weltweit bekannt für seine Kultur, für seine Kreativität, die fast spürbar überall pulsiert. Berlin wird geliebt für das Flair, welches nur von den Menschen hier vor Ort erzeugt wird! Wir SIND bereits Berlin. Wir MACHEN bereits Berlin. Da muss man uns nicht erst sagen: “Los, sei endlich Berlin.” Tut mir Leid, ich finde diesen Grundton unsexy und lächerlich. Traurig.

Berliner gehören in den Mittelpunkt jeder Berlin-Kampagne

Was ich gut finde (auch das muss gesagt werden) ist, das man das größte Kapital der Stadt versucht in die Waagschale zu werfen: die Berliner. Die Menschen, die hier leben. Ur-Berliner, wie die vielen Zugezogenen. Diesen bunten Mix an spannenden Geschichten, Lebensentwürfen, Ideen, Plänen, Hoffnungen, Träumen. Das IST Berlin. Jeden Tag.

Und darum will ich ab Samstag jede Woche von drei Menschen oder Projekten erzählen, die Berlin ausmachen. Vom spannenden, pulsierenden Berlin, das es bereits gibt und das man nicht erst hervorkramen muss!

Wir SIND Berlin

Wer mitmachen will – einfach melden (roskos at vo minus agentur punkt de)! Vielleicht haben ja Andrea Horn und Marc Arroyo von Justberlin Lust dafür die visuelle Umsetzung zu erarbeiten. Und vielleicht hat das Spreeblick-Team Bock weitere Geschichten zu liefern. Jeder kennt wieder andere Musiker, Autoren, Straßenkünstler, Ladeninhaber, Restaurants, Bars, Modelabels, Überlebenskünstler, Taxifahrer, karitative Projekte, Unternehmer, Wissenschaftler, Sportler, ganz normale Menschen. (Ich weiß, ihr habt den Kopf im Moment zu mit der re:publica.)

Eine eigene Webpräsenz wäre denkbar. Unter dem Motto “Wir SIND Berlin”. Wär eine gute Sache – für Berlin. Am schönsten wäre es in Form einer Kollaboration.


Und hier noch eine kleine Auflistung von Meinungen und Hinweisen aus der Blogosphäre zum Thema Be Berlin und Plagiatsvorwürfen:

  • Off the record (Zitat: “Keine Ahnung wie Bürgermeister Wowereit da ein “ungeschminktes, aber faszinierendes Bild” der Stadt erkennt. Ich erkenne hier noch nicht mal einen Zusammenhang zwischen ungeschminkt und faszinierend.”
  • Das Auge (“Auch wenn Parallelen unverkennbar sind, dürfte ein Plagiatsvorwurf schon an sich problematisch sein, schließlich fehlt beiden Varianten die erforderliche Originalität, um diesen Sachverhalt zu klären – zufällige Parallelen sind daher durchaus nicht unwahrscheinlich. Allein der Slogan „Be Berlin“ oder „Sei Berlin“ wurde laut Veranstalter viermal eingereicht… Die Kampagne „be Berlin“ ist am 11. März gestartet und vorerst bis zum Jahr 2009 angelegt. Bis Ende 2009 stellt der Senat rund zehn Millionen Euro für die Kampagne bereit.”)
  • Interview beim Werbeblogger mit Andrea Horn von “Just Be.rlin”
  • Werbeblogger: “be berlin nur dreist geklaut?!”
  • Brief von Herrn Prof. Pläcking auf Werbeblogger.de
  • Telagon Sichelputzer (“Peinlich, peinlicher, am peinlichsten!? Innovativ ist das nicht, denn Plagiarismus gibt es schon seit Urzeiten…”)
  • Magix-Blog (“Es wäre interessant zu erfahren, ob Wowereit, nachdem das ganze hier hoffentlich große Wogen schlägt, Andrea den ein oder anderen Euro als sozusagen kreative Unterstützung auszahlt.”)
  • HauptstadtBlog (“Es könnte also auch durchaus sein, wenn schon vier Agenturen den gleichen Slogan eingereicht haben, dass auch andere Elemente gewisse Ähnlichkeiten aufweisen können.”)
  • Welt Online (” Berlin ist voller kreativer Menschen. Wenn Hunderte von ihnen sich überlegen, wie sich die Stadt in einer Imagekampagne präsentieren könnte, kommen viele auf ähnliche Gedanken. So hat eine kleine Agentur bereits Monate vor dem Kampagnenstart die Internet-Adresse “beberlin” sichern lassen. Und eine Woche nach der Präsentation von „be Berlin“ schwirren Plagiatsvorwürfe durch die Szene.”)
  • Fontblog (“Je größer die Bühne einer Berliner Veranstaltung, und je mehr sich die Politik einmischt (Banken, Love Parade, Tempodrom, Spreedreieck) umso größer das Skandalpotenzial. Die Be-Berlin-Kampagne ist davon nicht ausgenommen.”)
  • Justberlin mit der Story der beiden Freelancer der JustBerlin-Idee

Nachtrag: Vergessen beim Schreiben des Artikels so explizit zu sagen – die Grund-Idee von Justberlin, das intelligente Spiel mit dem be. ist tausendmal besser als das, was bei Be Berlin herausgekommen ist!!! Be Berlin klingt nicht. Oder doch: nach bi. Falsch zu verstehendes denglish. Musste noch gesagt werden!


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Über den Autor

Matias Roskos
2437 Beiträge

Matias Roskos ist der Gründer des VisualBlog. Neben seiner Tätigkeit als Blogger ist er noch Inhaber von Deutschlands erster Community- und Crowdsourcing-Agentur VOdA. Als Crowdsourcing-Evangelist beschäftigt er sich als Redner und Autor mit dem Thema Open Innovation, Crowdsourcing und Socialnetworkstrategien. Er schreibt für diverse andere Webprojekte und betreibt das Fachblog Socialnetworkstrategien.de

3 Reaktionen

  1. [...] VisualBlog  [...]

  2. Kommentar von Jochen Hoff
    22. März 2008, 17:32 Uhr

    Es tut mir leid, aber die Frage mit dem Plagiat würde sich doch gar nicht stellen, wenn nicht wieder einmal mit der Person von Prof. Jochen Pläcking eine so typische Insidergeschichte laufen würde, bei der es vermutlich wie so oft nur darum geht, wieder einmal Steuergelder unter alten Freunden redlich aufzuteilen.

    Das einzig gute an dieser Affäre ist, dass die Marke Berlin viel zu stark ist, um sich durch solche Geschichten beschädigen zu lassen.

    http://www.duckhome.de/tb/archives/2215-Be-Bescheuert-Nun-reicht-es-aber.html

    Tatsächlich aber stellt sich die Frage warum wir ständig so tun, als ob Berlin beworben werden müsste. Auch nach dem Mauerfall ist Berlin ein ständiger Touristenmagnet für Deutschland geblieben, ja hat seine Position noch verstärkt.

    Wem hilft also solch eine Kampagne, wenn wir mal die Auftragnehmer außen vor lassen. Eigentlich niemanden. Sie ist nur, genau wie ihre Vorgänger, Rechtfertigung für die Existenz diverser Senatsabteilungen und ihr BussyBussyUmfeld die sich angeblich mit Wirtschaftsförderung beschäftigen, aber in Wirklichkeit nur die Empfänge verstopfen.

    Die Berliner Wirtschaft aber wird sich hüten derartigen Mist für ihre Werbung aufzugreifen. Die zeigen lieber das Grün der Stadt in Satellitenfotos und lassen aus den Fotos interaktiv Highlights der Stadt hervorwachsen. Allerdings will die Wirtschaft ja auch das die Marke Berlin für sie wirbt.

  3. Kommentar von stefan
    22. März 2008, 21:07 Uhr

    alle Be Berliner haben sich bei der Kampagne

    Be Birmingham

    bedient bzw. diese kopiert

    mit der sich die Stadt Birmingham mit einem markanten BE …. – Logo
    als Kulturhauptstadt Europas 2008 beworben hat !

    ( war u.a. schön auffällig auch auf der Intern. Tourismusbörse in Berlin ITB 2006 / 2007
    zu bewundern )

    Leider nicht mehr im ursprünglichen Kampagnenlogo und Design
    wird jetzt noch der Slogan von Birmingham weitergenutzt für
    Birminghams Kampagne

    Be Birmingham – your local strategic partnership

    Zum weiterführenden Konzeptklau siehe auch:

    http://www.bebirmingham.org.uk

    Was lernen wir daraus ? Besser recherchieren und
    keine Steuergelder für Ideenklau und Recycling verbrennen
    bzw. nicht auch noch stolz wie Bolle auf Kopiertes und Banales
    durch die Stadtmarketingwelt ziehen !

    Du bist Berlin ! Du bist Deutschland !

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