Das die gesamte Musikbranche (dank illegaler und legaler Internet-Downloads) im Umbruch ist, ist nun nichts Neues mehr. Auch wenn die großen Musikkonzerne das anders darstellen. Daran sieht man nur, was für schwerfällige Schwergewichte sie geworden sind. Aber sie kommen nicht mehr umhin sich mit zu wandeln – oder unter zu gehen. Das ist nun wohl auch so langsam bis in die Führungsetagen durchgedrungen.
Im Berliner Tagesspiegel erschien am 17. November 2007 ein langer und sehr interessanter Artikel zu diesem Thema. Unter dem Titel “Pop und weg” wird die Situation beschrieben, aber auch die neuen Wege aufgezeigt, die Bands und Plattenlabel nun gehen wollen. Gemeinsam oder auch allein.
Es wird weiterhin CD’s geben. Denn man will Musik auch verschenken. Und wie soll man einen mp3 schick verpacken und unter den Weihnachtsbaum legen? Jo, geht. Is aber nicht schick. Aber die (kurzfristige Zukunft) liegt im Livebusiness. Christian Tretbar schreibt im Tagesspiegel:
Dass das Konzertbusiness gegenwärtig einen Boom erlebt, hat damit zu tun, dass es der Musik ihren Ort zurückgibt. Denn es ist der letzte Zufluchtsort einer direkt erlebbaren Musik. Nicht kopierbar. Nicht digitalisierbar. Ein Endpunkt der Wertschöpfungskette – und ein neuer Beginn. Denn welchen wirtschaftlichen Faktor Konzerte auch für Musiker selbst darstellen, hat Madonna allen deutlich vor Augen geführt, als sie sich von ihrer Plattenfirma Warner Music verabschiedet und alle CD-, Konzert- und Merchandisingrechte für geschätzte 120 Millionen Dollar an den Konzertveranstalter Live Nation verkauft hat. Eine Firma, die noch nie eine CD auf den Markt gebracht hat. Live sells. Die Rolling Stones haben mit ihrer letzten Tournee „A Bigger Bang“ 558 Millionen Dollar eingespielt: ein neuer Rekord. „Geld beginnen wir erst zu verdienen, wenn wir live spielen“, sagt auch Smudo. Kleinere Künstler können von diesen Summen nur träumen. Für sie steht Aufwand und Ertrag in einem anderen Verhältnis. Trotzdem sind auch für sie Liveauftritte viel wert, als Basar, auf dem sie nach einem Konzert ihre CDs verkaufen.
Von dieser sprudelnden Quelle wollen die Majors profitieren, indem sie sich sukzessive in Unterhaltungskonzerne umwandeln. Das neue Zauberwort heißt 360-Grad-Vertrag. Ein Rundum-sorglos- Paket für die Künstler. Sie bekommen alles geboten: vom klassischen Musikvertrieb über Sponsoring, Merchandising bis zur Konzertorganisation. „Wir entwickeln uns von der klassischen Plattenfirma zu einer Musikentertainment-Company“, sagt Joe Hugger von Sony-BMG. Auch Universal will zum Allrounder werden. „Noch ist das Zukunftsmusik, die aber bald Realität werden kann“, sagt Universal-Chef Frank Briegmann.
Musik als Rundum-Entertainment. War es ja eigentlich schon immer. Nur, dass man nun noch viel verstärkter auf diese Schiene setzt.
Töne bedürfen keines „Trägers“ mehr. Sie sind zu Datenkolonnen geronnen und strukturell von einer Betriebsanleitung für Kaffeemaschinen nicht zu unterscheiden. Deshalb schlägt die Stunde der Verpackungskünstler. In einer karmakapitalistischen Gesellschaft, die Bionade trinkt und Bioprodukte isst, werden Waren an Werte gekoppelt. Während Werbung für Autos, Reisen und Kühlschränke ohne Musik gar nicht mehr denkbar ist, kann Musik nur mit sich selber werben. Ein Dilemma. Zumal der CD von jeher das Image eines Billigprodukts anhaftet. Trotzdem macht sie nach wie vor 81 Prozent der Gesamteinnahmen aus. Die Musikwirtschaft kann sich deshalb nur schwer von ihrer Fixierung auf den Tonträgermarkt trennen. Aber sie beginnt, umzudenken und sich als Verpackungsindustrie zu begreifen. Universal-Chef Briegmann verspricht: „Die Produkte werden hochwertiger.“ Tollere Booklets, aufwendigere Formate, ganze Bücher sollen die CD attraktiver machen. Ob das wieder mehr Leute zum Kauf animieren werde, wisse er auch nicht.
Und damit werden Communitys und Kreativität eine noch viel größere Rolle in der Zukunft spielen. Und damit sind wir beim Geschäftsmodell von VOdA. Gut, das wir in Berlin sitzen, wo auch ein Großteil der deutschen Musikindustrie beheimatet ist.
Ich fand den Artikel nicht nur spannend, weil er einen guten Über- und Einblick in die Entwicklungen der Musikindustrie gibt, sondern auch weil er indirekt begründet, warum Communitysourcing spannend für das Musikbusiness werden wird. Sie kommen ganz direkt ran an den Fan, beziehen ihn mit ein. Communitys sind die Räume, in die sie sich bewegen müssen. Finetune.com (das ich selbst intensiv nutze) und Last.fm sind da “nur” EIN Baustein. Es gibt so viele spannende Communitys. Allen voran natürlich Facebook oder auch Myspace. Und viele spannende Nischen-Communitys (wie zum Beispiel auch VisualOrgasm). Sie können dort gleich die Kreativität der Vielen positiv ausnutzen. So wie es Fanta4 unter anderem mit ihrem Videocontest tun.
Aber das ist erst der Anfang von Communitysourcing. Es wird mit der Zeit noch neue, spannendere Konzepte und Lösungen geben. Versprochen .Wir (und auch andere) arbeiten dran.
Danke für den exzellenten Artikel im Tagesspiegel, Christian Tretbar!















5 Reaktionen
21. November 2007, 16:20 Uhr
[...] Am Rande bemerkt: Matias berichtet in einem interessanten Beitrag über die Musikindustrie im Umbruch und wie Kreativ-Communities in Zukunft eine größere Rolle spielen werden. [...]
27. November 2007, 11:37 Uhr
[...] Sehr witzig. Erst vor wenigen Tagen hab ich hier einen längeren Artikel zum Thema “Die neuen Wege der Musikindustrie” gepostet. Und auf dem Barcamp Rhein/Neckar fand letztes Wochenende eine Session zum fast gleichen Thema statt: Der Effekt von Crowdsourcing auf traditionelle Entertainmentbranchen – am Beispiel der Plattenindustrie. Sind die Prosumer nach den Tauschbörsen die wahren Killer der “alten” Musikindustrie? [...]
28. Januar 2008, 09:24 Uhr
[...] Wo ist das Einnahmemodell? Ganz einfach. Wie immer: Businessmodel = Advertising. Langweilig. Aber sicherlich erstmal der erste richtige Schritt. In der Zukunft werden andere Einnahmemodelle hinzukommen. Musikindustrie und Crowdsourcing. DAS passt einfach zu gut zusammen. [...]
27. Oktober 2008, 16:59 Uhr
[...] Dass Bands längst keine Plattenfirmen mehr brauchen um ihre Alben zu finanzieren wissen wir spätestens seit Sellaband (» was ist das?). Es gibt inzwischen viele KünstlerInnen, die über Crowdfunding genügend Geld zusammengekratzt haben, um die Kosten für Aufnahme und Vertrieb hereinzuspielen. [...]
27. Januar 2009, 15:57 Uhr
[...] gemacht, die ich euch hier nicht vorenthalten möchte und die in die gleiche Richtung zielen wie in diesem Artikel von mir vor anderthalb Jahren angerissen. Die zwei wesentlichen Punkte meiner Ausführungen zur [...]