Spielzeug made in China – Gibt es auch noch andere Wege?

Matias Roskos
20. August 2007, 16:03 Uhr, 3 Reaktionen
Kategorie: Webdesign

Wie der ein oder andere ja weiß, bin ich in meinem “zweiten Leben” nicht nur Papa, sondern auch Einzelhändler. Zusammen mit meiner Lebensgefährtin betreibe ich den “Zwergen-Saloon” – einen Spielwarenladen – in Berlin-Friedrichshain, wobei 90% der Arbeit mittlerweile auf den Schultern meiner Freundin lasten.

Wir fahren in unserem “Zwergen-Saloon” nicht das “übliche” Spielwarensortiment, sondern versuchen ganz bewusst Firmen, die in Deutschland produzieren zu bevorzugen. Das ist nicht so einfach, weil 70 bis 80 Prozent der Spielwaren hierzulande aus China stammen. Viele machen sich darüber Null Gedanken: “Hauptsache billig.” Dass darunter nicht nur die Qualität leidet, sondern man damit auch deutsche Arbeitsplätze in den vergangenen zehn Jahren vernichtet und Ausbeutungs-Kapitalismus in seiner ursprünglichsten Form ermöglicht hat, ist den wenigsten bewusst. Als ich im Sonntags-Tagesspiegel auf Seite 3 gestern dern Artikel “Das Leben der Spielmacher” gelesen hab, lief es mir das ein oder andere Mal kalt den Rücken herunter:

Es gibt keinen Atemschutz, wenn sie Plastikfiguren lackieren. Giftige Schwaden von Lack und Lösungsmittel wabern durch den Raum. Die meisten Abteilungen haben keine Klimaanlage, die Temperaturen werden im Sommer unerträglich. Fünfmal am Tag dürfen Frauen auf die Toilette, dreimal die Männer, für maximal fünf Minuten. Wer häufiger geht, zahlt Strafe.

Das System der Billigarbeit kommt erstmals ins Stocken, zu groß ist die globale Nachfrage nach ihr. Zweimal schon hob Langley den Grundlohn an, von 50 Euro den Monat auf nunmehr 70 – vergeblich. Die ganze Produktion will er in wenigen Jahren ins Landesinnere Chinas verlegen, weil dort die Bedingungen noch so sind, wie sie in einem Billiglohnland sein sollen. „Weshalb sind wir denn hier?“, fragt Langley. „Niedrige Löhne! Wir dürfen nicht endlos die Löhne erhöhen. Sonst können wir gleich wieder nach Europa zurückgehen.“

Der Tolo-Chef schlägt sich jede Woche mit einem für China neuen Phänomen herum, Preisnachlässe, telefonisch übermittelte Forderungen von Kunden, noch billiger zu liefern. „Am extremsten ist der deutsche Markt“, sagt er. „Die Deutschen wollen es nur noch billig, billig, billig.“ Der wahre Boss der „Blut- und Schweißfabriken“ ist das Schnäppchen.

Kinder füllen die Lücken, die die fehlenden Arbeitskräfte aufreißen. „Sommerarbeiter“ heißen sie in Chao Yus Fabrik, Zwölf- bis 16-Jährige, die in Klassenformationen mit ihren Lehrern anreisen. Die Personalabteilungen bevorzugen Mädchen, weil sie als gehorsamer und besser kontrollierbar gelten. Sie arbeiten während der Weihnachtsproduktion an den Fließbändern, vermietet von ihren Schulen, die die Hälfte des Lohnes als „Schulgebühr“ einbehalten. Da sie nicht als reguläre Arbeiter geführt werden, zahlt ihnen der Betrieb in der Regel ein Drittel weniger.

Wir verkaufen diese Spielwaren. Jedenfalls einen Teil davon. Man grübelt als Inhaber eines Spielwarengeschäfts hin und her. Was tun?

Ganz bewusst bevorzugen wir Firmen, die noch hierzulande produzieren. Zum Beispiel Erzi, Anker Steinbaukästen, Ebert Holzspielwaren, Hess, Grimms Spieldesign, Dresdner Künstlerpuppen, OGAS Holzspielschiffe, Baufix, Kellner Steckfiguren, Kaden. Aber diese Firmen sind in der Minderheit, wenn wir uns auf der Nürnberger Spielwaren-Messe nach neuen Ideen fürs Geschäft umschauen. Ich schätze 40% unseres Sortimentes stammen auch aus China.

Kann ich es schaffen keinerlei Produkte aus China einzukaufen? Ganz klare Antwort: Nein! Es führt in der Spielwarenbranche – wie übrigens auch in vielen anderen Branchen (Textilien, Elektronik, DVDs, CDs) – kein Weg an Produkten made in China vorbei. Aber man kann sensibel mit diesem Thema umgehen. Man kann die Kundinnen entsprechend beraten. Was wir tun! Man kann das Bewusstsein schärfen, in dem man Zeitungsartikel wie diesen weiter empfiehlt. Man kann Firmen bevorzugen, die noch hierzulande produzieren.
Und man kann versuchen Dinge selbst in die Hand zu nehmen! Wie wir es mit unserer eigenen Babybody-Linie namens “Rouvi” tun. Wir lassen die Bodys hier in Berlin nähen (und suchen gerade noch zuverlässige Näherinnen!) und bedrucken sie selbst! Nix China. Alles made in Berlin. Und wir wollen “Rouvi” ausbauen. Und uns dabei treu bleiben und die Babybodys hierzulande herstellen lassen. In den kommenden Monaten soll für dieses Projekt eine völlig neue Seite entstehen. Es wird neue Sprüche und Grafiken geben. Und es wird noch jemand gesucht, der sich an diesem wunderbaren Projekt beteiligen möchte…
Es gibt also Wege nicht ausschließlich auf chinesische Ware zu sehen. Aber nur, wenn der Wille da ist. Und wenn wir (damit meine ich die Einzelhändler und die Produzenten) schaffen, das Bewusstsein der Kundinnen und Kunden so zu schärfen, dass nicht mehr Geiz geil ist, sondern Qualität und statt BILLIG BILLIG BILLIG die Story eines Produktes (Woher kommt es? Wer fertigt es? Ist der Preis fair? Fair für den Kunden aber auch fair gegenüber dem Händler und denen, die es gefertigt haben?) wieder zählt. Früher stand der Begriff “Made in Germany” für Qualität. Heute zählt er in Deutschland selbst kaum noch was. Das muss und es wird sich wieder ändern.


Stichworte


Über den Autor

Matias Roskos
2437 Beiträge

Matias Roskos ist der Gründer des VisualBlog. Neben seiner Tätigkeit als Blogger ist er noch Inhaber von Deutschlands erster Community- und Crowdsourcing-Agentur VOdA. Als Crowdsourcing-Evangelist beschäftigt er sich als Redner und Autor mit dem Thema Open Innovation, Crowdsourcing und Socialnetworkstrategien. Er schreibt für diverse andere Webprojekte und betreibt das Fachblog Socialnetworkstrategien.de

3 Reaktionen

  1. Pingback von Wikinger-Spruch gesucht » VisualBlog - das VisualOrgasm-Weblog
    20. August 2007, 16:30 Uhr

    [...] VisualBlog – das VisualOrgasm-Weblog « Spielzeug made in China – Gibt es auch noch andere Wege? [...]

  2. [...] Matias, das wär doch angesichts deines gestrigen (lesenswerten!) Aufklärungsversuchs über Kinderspielzeug, dessen Herkunft und das harte Leben europäischer Spielzeugmacher etwas für dich. [...]

  3. Pingback von Zwergen-Saloon : Blog Archive » Ware aus China
    21. August 2007, 18:40 Uhr

    [...] Gestern habe ich in meinem anderen Blog, dem VisualBlog einen ausführlichen Artikel zu Produkten aus China veröffentlicht. In den Medien ist das ja zur Zeit ein viel diskuttiertes Thema. Zu Recht, wie wir finden. [...]

Dein Kommentar