Ich frage mich, wie das morgendliche Brainstorming bei StudiVZ aussieht. Sitzt man da bei einer gemütlichen Tasse Kaffee und einer wirft in den Raum: “Ey, wir brauchen ein neues Fettnäpfchen. Sowas zum richtig auffallen. Wo sich möglichst viele drüber aufregen können! Mist, der ED is ja nicht mehr da. Der hatte immer so tolle Einfälle. Sowas mit Nazizeitungen und Klovideos und so.” Und dann die Antwort: “Aber unsere Ekelvideos waren doch auch nicht schlecht, oder?” “Stimmt, die waren cooooool. Viel cooler als Jack Ass es je war. Geil geil geil. Und die doofen Blogger regen sich immer wieder so herrlich über uns auf. Aber wir brauchen schnell was Neues. Um im Gespräch zu bleiben.” “Haste schon mal von AAL gehört?” “Aal – iiigitt. Ick ess doch keinen Fisch! Weißte doch.” [AAL = Andere Arbeiten Lassen]
So oder so ähnlich stell ich mir das vor. Und dann kommt sowas dabei heraus:
Bestes Online- oder Crossmedia-Werbekonzept gesucht
Die Portale Handelsblatt.com, StudiVZ.net, wiwo.de und Zeit online schreiben in einer gemeinsamen Aktion einen Ideenwettbewerb für (Web-) Designprofis und -studenten aus. Der Wettbewerb soll dazu beitragen, Studenten mit guten und innovativen Werbeideen zu fördern und ihnen eine Plattform für ihre Ideen zu bieten.
heißt es auf der Handelsblatt-Seite. Klingt erstmal nicht schlecht. Klingt nach einem weiteren spannenden Crowdsourcing-Projekt made in Germany.
Stutzig werde ich zum ersten Mal wenn ich lese:
Prämiert wird das beste Online- oder Crossmedia-Werbekonzept. Die Studenten und Teilnehmer treten dazu einer Prämiumgruppe bei StudiVZ bei und gelangen so gleichzeitig in einen direkten Austausch. Teilnahmeberechtigt sind Personen, die an einer Hochschule oder gleichwertigen Einrichtung Medien-Design studieren. Bewerben können sich unter » studivz.net auch diejenigen, die Webdesign oder verwandte Studiengänge besuchen – sie müssen dafür nur bei StudiVZ angemeldet sein.
Okay. Man muss da in eine Gruppe rein. Es werden Hürden aufgebaut. Aber okay. Damit könnte ich noch leben, schließlich geht es ja auch um die programmiertechnische Umsetzung. Und da bietet sich eine StudiVZ-Gruppe vielleicht an. Vielleicht. Ich mein: man hätte auch eine eigene Projektseite aufsetzen können, damit es nicht danach aussieht, das man vor allem neue User damit ködern will.
Weiter im Text:
Das jeweilige Werbekonzept sollte aus Vorschlägen zur Werbemittelgestaltung ebenso bestehen wie aus einer kurzen Erläuterung der crossmedialen Werbestrategie. Idealerweise lassen sich die Werbemittel auf verschiedenen Kanälen einsetzen (Audio/Podcast, Video, klassische Online-Werbung, Print). Es ist aber auch möglich, sich ausschließlich auf Online-Werbemittel zu konzentrieren. Besonderen Wert legt die Jury auf die zukunftsweisende Gestaltung sowie die mögliche Realisierung im Rahmen von innovativen Kampagnen, die potenziellen Mediakunden für die die Preise ausschreibenden Webangebote realisieren können.
Okay. Eine anspruchsvolle Aufgabenstellung. Man erwartet eine ganze Menge von seinen Leuten. Why not. Wenn sie so gut sind. Herausforderungen sind immer eine gute Sache. Das wird sich sicherlich lohnen. Für ALLE Seiten.
Und nun der Clou:
Die Teilnehmer haben die Chance einen von drei Förderpreisen zu gewinnen. Der Sieger erhält zwei Karten für das 55. Cannes Lions international advertising festival inklusive Flug und Hotel. Zusätzlich vergibt Handelsblatt.com einen Preis für einen innovativen Werbekurzfilm: Der Gewinner erhält die Möglichkeit eines sechs monatigen Praktikums in der Handelsblatt.com-Videoredaktion.
Stopp! Zwei Karten nach Cannes? Ein sechsmonatiges (vermutlich unbezahltes) Praktikum? Halt halt halt! DAS ist AAL. Wenn es denn so ist. Aber da steht ja noch was von “einen von drei Förderpreisen”. Was bedeutet das?
Patrick Breitenbach packt gleich mal (für mich durchaus verständlicherweise) die Kalaschnikoff aus und schreibt auf dem Werbeblogger dazu:
Einen Schulausflug nach Cannes (alleine?) oder die einmalige Chace auf 6 Monate Niedriglohn beim Handelsblatt. Hmm, was das wohl Holtzbrinck kostet? Komischerweise steht da nirgendwo: Preise im Wert von XXXXX. Gratulation. Holtzbrinck vollzieht damit AAL und User generated Advertising in Reinform.
Na dann kann das Konzept (und die aussortierten, abgelehnten Arbeiten) gleich durch mehrere Hände verkauft werden. Clever.
Ich kann seinen Ärger zu 100 Prozent verstehen. Ich hasse AAL ganz genauso. Crowdsourcing sollte aus meiner Sicht eine Win-Win-Situation ergeben. Ich predige das immer wieder. Ein Grund, warum wir VOdA gegründet haben – um Crowdsourcing weg zu führen vom AAL-Image und gutes Crowdsourcing, was wir intern übrigens Communitysourcing nennen (aber gegen Buzzwords kommt man so schwer an).
Mister Wong machts mit seinem “Wong and Only Logo Contest” (bei dem ich beratend zur Seite stehe) gerade vor, dass Nehmen und Geben in einem guten Verhältnis zueinander stehen können. Auch wir von VOdA haben gerade zwei neue Crowdsourcing-Aktionen gestartet. Für Musicpark geht es um zwei CD-Cover. Und Sony Deutschland möchte in unserer Pixeltown ein möglichst cooles Zuhause gepixelt haben. Bei beiden Aktionen gibt es unter anderem Siegprämien. Beim CD-Cover-Contest sind das zwei mal 325 Euro, beim Sony-Pixelcenter-Contest 300 Euro für den Sieger und je 100 Euro für den Zweit- und Drittplatzierten. Klar sind das keine riesigen Summen (Mister Wong kann da schon etwas mehr klotzen). Aber die Relation zwischen Aufwand und Gewinn sollte stimmen. Und darum bemühen wir uns immer. In unseren Gesprächen mit den Kunden ist es immer EINE ganz wichtige Prämisse, dass auch die Community etwas von solchen Aktionen hat (und nicht mit Eintrittskarten abgespeist wird). Für junge Studenten bedeuten 300 Euro einen Monat lang nicht kellnern gehen zu müssen. Und etliche Freelancer freuen sich über diese Schiene zum einen auf sich aufmerksam zu machen und den Kontostand etwas aufzufüllen. Und für viele unserer Teilnehmer bei solchen Communitysourcing-Aktionen ist das oft eine wunderbare Abwechslung zum Alltag in der Agentur.
Ich hoffe einfach mal, dass bei der StudiVZ-Aktion NICHT AAL in Reinform betrieben wird! Vielleicht verbirgt sich hinter der Formulierung “einen von drei Förderpreisen” ja noch was Gutes für die Community. Wenn nicht, dann kann ich StudiVZ (mal wieder) in keinster Weise verstehen. Die Aufgabenstellung ist heftig! Der Zeitrahmen sehr gering. Und wie es Patrick schon andeutete: es entstehen dabei womöglich nicht nur EINE gute Idee, sondern etliche. Wer sichert ab, dass diese nicht abgegriffen und anderweitig genutzt werden. Ohne das der oder die Ideengeber jemals etwas davon haben. Diese Aktion riecht nach ranzigem Fisch. Aber ich hoffe mich zu irren! Wenn jemand sich über gute Crowdsourcing-Strategien unterhalten will – wir stehen gern zur Verfügung. Etliche Agenturen und Unternehmen haben davon in den vergangenen Wochen bereits Gebrauch gemacht. Und wir hatten den Eindruck: alle waren extrem zufrieden und überrascht. Und für alle war es am Ende auch logisch und gut, dass wir AAL so ablehnen.
Auf die Story aufmerksam geworden bin ich übrigens via Lanu. Danke dafür! Auch wenn ich Lanu viel zu “nett” bin.















2 Reaktionen
15. August 2007, 16:31 Uhr
Menno!…
Ich hing bislang der Vorstellung an, die Zustände im Berliner Bonker seien vor allem deshalb noch möglich, weil das Mutterhaus Holtzbrinck schlicht noch nicht gepeilt hat, was es sich da an Bein gehängt hat. Deshalb habe ich mir ja auch …
16. August 2007, 11:22 Uhr
[...] Gestern noch hatte ich über StudiVZ seine Fettnäpfchen-Politik geschrieben. Heute nun das: Um das nochmal in aller Deutlichkeit zu erklären: während das Handelsblatt, die Wirtschaftswoche und die ZEIT immer noch für ihren innovativen Werbewettbewerb trommeln, bei dem es tolle Preise gibt, haben die teilnehmenden Studenten das Heft in die Hand genommen und so heftig protestiert (nicht zuletzt wegen unsäglichen Teilnahmebedingungen und Rechteverwertung), dass die Wettbewerbsgruppe “Werbevisionen” in der das Ganze ablaufen sollte, geschlossen wurde. Doch damit nicht genug. StudiVZ versuchte natürlich umgehend die Spuren zu beseitigen. Keine große Promo mehr beim Einloggen, weg mit der Gruppe. Aber um den Protest schön nachklingen zu lassen, bedienten sich einige verärgerte Studenten einfach der StudiVZ Gruppenfunktion und bildeten eben diese Protestgruppe. [...]