Der Wahnsinn im Internet hatte in den vergangenen Monaten etliche Namen. Mal hieß er Youtube, dann wieder StudiVZ, dann Myspace, dann SecondLife. Nun gibt er sich den Namen Miomi. Aber irgendwie ist das schon wieder eine Steigerung des Wahnsinns. Weil Miomi ist nicht ein Startup, das sich eine Community schon erarbeitet und bewiesen hat, dass die Idee dahinter funktioniert. Nein – die 100 Millionen Dollar gab es allein für die Idee. Hmm… Ist da zu viel Geld unterwegs in der Welt? Es hat fast den Anschein.
“100 Millionen Dollar erhielten drei Studenten als Starthilfe für ihr Projekt miomi, eine Community, in der Nutzer ihre Erlebnisse entlang einer Zeitleiste aufschreiben.” schreibt der Spiegel. Und zum Konzept heißt es weiter: “Anfang des Jahres gewann das Team mit der Präsentation des Konzeptes einen Entrepreneur-Wettbewerb an der University of Oxford. Die Jury-Mitglieder waren so begeistert, dass sie dem Start-up Zugriff auf 100 Millionen Dollar zur Verwirklichung des Projektes gewährten.”
Im ersten Moment dachte ich (sorry für die Ehrlichkeit): ‘Man, was für ein Scheiß’. Aber zwei Stunden später kam ich zu der Erkenntnis: ‘Hmm. Könnte gar nicht mal so schlecht sein. Wenn man es intelligent aufzieht, könnte diese Zeitleiste, gespickt mit vielfältigen Filterfunktionen (Ort, Wetter, Geschlecht, Alter, Beruf usw.) interessante Ergebnisse für Studien in die unterschiedlichsten Richtungen bringen’.
Und trotzdem: 100 Millionen für ein Team ohne Programmierer, ohne Erfahrung? Vielleicht. Vielleicht funktioniert es. Vermutlich haben die drei Jungs ihre Idee perfekt präsentiert! Sie konnten sich mit ziemlicher Sicherheit extrem gut verkaufen. Und sie waren zu richtigen Zeit am richtigen Ort. Und gingen mit 100 Millionen wieder nachhause. Warum nicht? Miomi ist auf jeden Fall ein interessantes Konzept. Interessanter als so viele Klone von Klonen die gerade eine Idee geklont haben. Und es ist nicht einfach nur ein weiteres Local-Basec-Community-Dings ohne Konzept welche Zielgruppen angesprochen werden sollen (”Naja – halt alle die im Web unterwegs sind” – Zitat eines Startups auf dem Barcamp Hamburg), sondern eine Plattform mit Perspektive und einem nicht allein auf Fun ausgerichteten Konzept. Von Tag zu Tag gefällt es mir besser. Ich bin gespannt, wie sich Miomi entwickelt.
Nocheinmal der Spiegel: “Wird miomi trivial oder tiefsinnig, Hit oder Flopp? Erfolg ist kein Automatismus. Ob und womit miomi Erfolg haben wird, hängt davon ab, was seine Nutzer für Qualität halten. … Dabei setzt miomi auf einen Misch-Ansatz, der die qualitative Bewertung durch die Leser (per Mausklick auf Love/Hate-Buttons) mit quantitativen Faktoren wie der Zahl der Seitenaufrufe kombiniert. Ein typischer “Schwarm-Intelligenz”-Ansatz, bei dem man wird abwarten müssen, wie er sich entwickelt. Wie Qualität definiert wird, hängt bei solchen Ansätzen am Ende immer von der Zusammensetzung der Nutzerschaft ab. Letztlich ist das ein Glücksspiel, wie ein Blick auf diverse Videoportale beweist: Während bei manchen durchaus Beiträge mit cineastischem oder Nachrichtenwert die Charts dominieren, ist bei vielen anderen der “Boay, ey Alter, wat hab ich gelacht!”-Faktor oberstes Qualitätskriterium. Es kommt also darauf an, mit den richtigen Signalen die richtige Userschaft für das Angebot zu interessieren.”
Ich wünsche der “Zeitleiste der Momente” alles Gute! Und bin gespannt was draus wird. Hoffentlich keine reine 100-Millionen-Dollar-Verbrennungsmaschine. Eine letzte Frage hätt ich noch: Wofür um alles in der Welt braucht man 100 Millionen?! Mit dieser gewaltigen Summe kann man doch 100 gute Web-Startup-Ideen fördern! Aber 100 Millionen Dollar für EIN einziges Startup? Irre, Wahnsinn und ganz klar: schade um das viele Geld. Die Jungs legen 90% bestimmt an und sichern sich so schonmal die Rente. Für Programmierung, Server, Büros und Marketing in den nächsten zwei Jahren jedenfalls brauchen sie nie und nimmer diese enorme Summe.
















13 Reaktionen
01. Juli 2007, 14:50 Uhr
Oh man … da fehlen einem echt die Worte. Ich habe mich kürzlich ja so richtig über Partnr aufgeregt, der hat aber wenigstens keine 100 Millionen bekommen.
Mein Post zum Thema ist etwas aufgebrachter aber vielleicht bereitet es ja dennoch Freude:
http://smyck.de/2007/06/17/web-2-nullen/
01. Juli 2007, 15:38 Uhr
Wozu in aller Welt benötigen die Leute 100 Mio. Geld? Vom Programmieraufwand her sollte die Umsetzung eigentlich nicht allzu schwer sein und die ganzen Tacken für Werbung zu verpulvern, verhöhnt in meinen Augen alle Startups, welche sich ihr Geld trotz guter Ideen hart erarbeiten müssen.
Die Idee ist zwar gut, aber meiner Meinung nach nicht 100 Mio. wert.
01. Juli 2007, 20:32 Uhr
die idee finde ich super und 100 mio gab es sicher nicht aus dem bauch heraus. da es ein britisches startup ist, wäre z.b. eine schnelle internationalisierung denkbar. die us plattformen wie youtube&co haben durch fehlende ausdehnung auf neue märkte viel boden an copycats verloren.
ich bin auf jeden fall sehr gespannt. und die 100mio. haben zumindest schon für viel pr und 100.000 beta registrierungen gesorgt. ;)
02. Juli 2007, 09:51 Uhr
Naja, man muss sehen dass der Wettbewerb an der Uni Oxford nicht schreit “100 Millionen für die beste Idee”. Vielmehr ist es ein Wettbewerb bei dem am Ende eine handvoll Unternehmen einen Scheck überreichen auf dem steht “As much as it takes”. Sprich: Die Gründer bekommen – so ich das verstanden habe – maximal 100 Millionen, nicht aber alles auf einen Haufen.
Daneben gefällt mir der Name, erinnert mich an das dtsch. gescheiterte Projekt “meOme”. Abgesehen davon halte ich es für eine spannende Idee, eine “globale Datenbank des Alltag” anzulegen.
04. Juli 2007, 17:30 Uhr
Genau! Ein genialer Marketing trick der Investoren, falls es denn wirklich so geplant war. Auf dem Scheck stand “whatever it takes”. Die Investoren haben insgesamt rund 50 Millionen Pfund (was ca. 100 Mio Dollar sind) in ihrem Fonds. Das wurde dann in der Presse als 100 Millionen Investment interpretiert. Die haben aber auch noch andere Ventures in die sie investieren, die genannte Zahl ist also vielzu hoch, selbst maximal sind keine 100 Millionen verfuegbar. Die Journalisten sollten mal ihre Quellen ueberpruefen, es waere total uneblich soviel zu investieren und es ist ja auch gar nicht notwendig. Kostet doch keine 100 Mio eine Seite zu entwickeln und Marketing zu machen. Ueblicherweise werden Ideen in frueher Phase mit 100 bis 500 tausend ausgestattet. Dafuer nehmen sich Investoren den Lowenanteil an dem jungen Unternehmen. Das wird in diesem Fall ganz aehnlich gewesen sein. Fuer 100 tausend so viel Werbung, klingt nach einem guten Investment.
Es gibt schon mindestens zwei Seiten die ein aehnliches Konzept haben, timashr.com und nearbie.com; nearbie gibt es schon eine ganze Weile, es kann also durchaus sein dass die Jungs dort zuerst auf die Idee gekommen sind.
04. Juli 2007, 23:02 Uhr
Hi Matthias,
vielen Dank für deinen interessanten Beitrag. Das bringt ein bissel Licht in die ganze Angelegenheit! Merci.
05. Juli 2007, 16:50 Uhr
Bzgl. der Finanzierung schon fast, was ich vermutet hatte: $100 Mio.-Finanzierung als Headline geben einem natürlich eine Menge gratis Coverage!
Ob das jedoch ausreicht, die konzeptionellen Schwachstellen der Idee zu kompensieren, wage ich nach wie vor zu bezweifeln (Mappe ich alle meine Aktivitäten? Finden die User den richtigen Abstraktionsgrad für’s Mappen, der Nutzen stiften kann? Bin ich wirklich an Parallelen irgendwelcher wildfremden Personen interessiert oder nicht nur aus meinem existierenden Freundeskreis und vielleicht ein paar Celebrities? Was ist der Zusatznutzen, der über bereits existierendes hinausgeht?)
http://quilp.wordpress.com/2007/06/29/my-oh-my-100-million-miomi-web-20-frenzy/
11. August 2007, 02:35 Uhr
Bis die raus kommen haben die zwei studenten aus hannover schon losgelegt, siehe http://de.sevenload.com/videos/UJRYvDA/www-xoumer-de
11. August 2007, 21:49 Uhr
Ich habe erst vor zwei Wochen den Link (spiegel.de) von einem Freund geschickt bekommen. Ehrlich gesagt, ich bin ins Grübeln gekommen. Wir starten morgen mit unserem memoloop.de, was so ziemlich das ist was miomi will. Allerdings mit einem Etat der praktisch Null ist.
Anderseit ist ja vielleicht eigentlich das fszinierende an der Entwicklung von Ideen, das irgendjemand auf der Welt auf die gleiche Idee kommt wie man selbst. Irre.
Wir freuen uns auf jeden Fall auf unseren Go Live Termin morgen
13. Oktober 2007, 22:54 Uhr
[...] Übrigens: Anfang Juli wurde miomi mit einem Investment in maximaler Höhe von 100 Millionen Dollar ausgestattet. Und schon damals schrieb der Spiegel: “Ob und womit miomi Erfolg haben wird, hängt davon ab, was seine Nutzer für Qualität halten.” Wahrscheinlich ein Grund, warum man das eigene Projekt redaktionell betreut und den Nutzern nicht komplett überlässt. [...]
03. Dezember 2007, 11:02 Uhr
hallo – ich sage euch: miomi wird floppen – geld hin oder her. ich besuche die seite regelmäßig und sie hat eine katastrophale usability. und was mich extrem stört: alle schreiben über etwas, dass sie sich wohl noch nie im detail angesehen haben. also manchmal frage ich mich bei journalisten, ob sie diesen namen verdient haben – oder ob sie einfach pressebriefings kopieren ohne diese zu hinterfragen. die idee war genial und ich wartete jetzt 8 monate auf die umsetzung – und das was rauskommt ist eine andere darstellung von microsofts encylopedia und wiki, schön fad.
03. Dezember 2007, 12:31 Uhr
Danke, Mike, für die interessanten Einblicke. Ich hab es leider nicht geschafft dort kontinuierlich reinzuschauen.
Wär cool, wenn du weiter hier berichtest!!!
27. Mai 2009, 10:00 Uhr
[...] war der 29.6.2007 als verkündet wurde, dass das Startup 100 Millionen Dollar Investment erhält. Mehr Infos hier in diesem Artikel. Damals schrieb ich: Ich wünsche der “Zeitleiste der Momente” alles Gute! Und bin gespannt was [...]