Auf dem Werbeblogger-Weblog findet eine sehr interessante Diskussion zum Thema “User generated advertising” statt. Ein bisschen hab ich den Eindruck, das Roland Kühl von Werbeblogger ganz bewusst mal provozieren wollte. Ist ihm auf jeden Fall gelungen. Es geht darum dass er meint: “Wie immer bei AAL-Projekten ist so ein Modell ein extrem heikler Balanceakt zwischen echtem Nutzen für beide Seiten und urkapitalistischer Ausbeutung von Arbeitsressourcen. Wenn diese Agentur es schafft, einen zusätzlichen Auftragskanal für Freelancer zu schaffen und die Arbeit anständig belohnt wird…warum nicht?!
Wenn allerdings eine Heerschar von Amateuren und Möchtegern-Werbern dazwischenkommt, die aus reinem Spaß an der Freud und für “lau” bzw. mit ganz anderen wirtschaftlichen Prämissen losproduziert, dann wird´s schwierig. Profis und Amateure haben schon einmal in einem Markt mitgemischt, nämlich als IT-Technik noch das Maß aller Dinge war:
Während der Unternehmer auch schon mal seinen Enkel “beauftragt” hat, das unternehmensweite Netzwerk aufzubauen, wurden die Profis (die im Preiskampf noch übrigblieben) dann erst gefragt, wenn der Karren in den Dreck gefahren war. Keine Skalierbarkeit, keine Entwicklungsstandards, keine Dokumentation waren dann nur einige der Anfängerfehler, denen sich die IT-Professionals in Folge als “Aufräumarbeit” widmen durften.
Ausbildung, Studium und Berufspraxis gibt es aus gutem Grund.” Der Vergleich mit der Homepagebastelei von befreundeten Kumpels vom Sohn oder so hinkt gewaltig. Denn Crowdsourcing heißt ja, dass man eine Community einbindet und nicht nur einen Amateur allein. Und in einer Community, die sich an so etwas beteiligt, sind immer auch Profis. Ist wohl ne Definitionsfrage, was man als Profi und was als Amateur ansieht.
Und (!!!) – eine gute Crowdsourcing-Aktion muss natürlich permanent betreut und begleitet werden von einem fähigen Team.
Die beste Antwort auf die meisten aufgeworfenen Fragen hat Martin Oetting auf seinem ConnectedMarketing gegeben: “Er (Roland Kühl) führt die verschiedenen Probleme auf, die es mit sich bringt, wenn man bei der Werbeentwicklung nicht seine üblichen Werbedienstleister zu Rate zieht, sondern sich stattdessen auf die Kreativität einer Online-Kreativgemeinde verlässt: Wie entlohnt man richtig (AAL: “andere arbeiten lassen”), was ist mit dem Urheberrecht, und kommt es nicht zum Dilettantentum in der Werbeprofession, wenn jeder meint, mitmachen zu können? … Meiner Ansicht nach hat jeder der drei Ansatzpunkte etwas Wahres, aber jeder trifft auch ein wenig am Kern vorbei. Aus folgendem Grund: Das aktive Involvieren der Konsumenten im Netz sollte weder deswegen geschehen, weil es günstiger ist, noch, weil es irgendwie grade ‘in’ oder ‘aktuell’ ist, noch sollte es notwendigerweise als Huckepack auf erfolgreichen Fernsehserien stattfinden. Es sollte vor allem deswegen gemacht werden, weil es meiner Ansicht nach für Marken die einzige Art und Weise ist, mit den vernetzten kreativen und kritischen Nutzern des Web 2.0 umzugehen. Die eine eigene Stimme haben oder gerade finden, sich nicht mehr damit abfinden wollen, dass sie die Medien nur als Adressat, Zielgruppe oder Target begreifen. Wer sich für Blogs etc. begeistert, hat verstanden, dass die massenmediale Sender-Empfänger-Mentalität ihre Grenzen hat. Und dass es spannender sein kann, sich mit dem liebevoll gemachten Content eines Blogs oder eines YouTube-Mitgliedes zu beschäftigen, um anschließend womöglich eine eigene Antwort darauf zu produzieren und ins Netz zu stellen.Die Nutzer des Web 2.0 erkennen immer weniger die alleinige Autorität der großen Medienkanäle an. Und daher sind sie auch immer weniger gewillt, Markenbotschaften als passive Empfänger entgegenzunehmen. Es geht also gar nicht darum, dass es billig ist, wenn man Spots vom User kreieren lässt. Es geht darum, dass das möglicherweise die einzige Art und Weise ist, ihn überhaupt zu erreichen. Denn er sagt sich vielleicht: “Nur wenn ich an der Marke mitstricken darf, ist sie für mich überhaupt interessant. …Also: die Konsumenten da mitmachen lassen, wo es Sinn hat. Auf sie achten, bei dem, was sie tun – im Netz und anderswo. Und davon lernen und die Marke als evolutionär betrachten. Die Stärke der eigenen Marke immer im Auge haben, aber dabei die Nutzer aktiv einbinden, wo es geht. Co-Creation heißt das manchmal neudeutsch, und es ist ein Balanceakt. Aber es ist der einzige Weg, dauerhaft einen sinnvollen Austausch mit vernetzten aktiven und kreativen Kunden zu haben. Und wenn man das macht, bekommt man kostenlos noch eins oben drauf: positive Mundpropaganda. Das weiß ich aus meiner Forschung.”
Danke, Martin! Für diese positiven Worte in Sachen Crowdsourcing, bzw. Communitysourcing, wie wir es auf VisualOrgasm tun und in der Zukunft noch viel stärker tun werden.
Es geht darum fair miteinander umzugehen. Fair gegenüber dem Kunden und gleichzeitig fair gegenüber den Usern, der Community. Jeder soll was von Crowdsourcing haben. Aufmerksamkeit, Spaß, Mundpropaganda, einen echten Mehrwert. Und Crowdsourcing sollte nie (!!!) ohne gute Betreuung, ohne Konzept und ohne gutes Briefing der User durchgeführt werden. Ein guter Communitymanager, der Regie führt und es versteht auf die User, aber auch auf den Kunden und die Marke einzugehen, sollte unbedingt das Projekt permanent begleiten. Und im Idealfall gibt es ein Portal dazu, das bereits über eine Community verfügt, die etwas von der Materie versteht und ihr Können schon unter Beweis gestellt hat.
Siehe VisualOrgasm und der Sony Ericsson Mobile Wallpaper Contest.






9 Reaktionen
06. März 2007, 18:27 Uhr
Zu diesem Thema folgt noch ein Podcast, in welchem ich mit einer Gruppe von Studenten über UGA/Crowdsourcing spreche und “meine andere Seite zu Wort kommen lasse” ;-)
gez. Dr. Jekyll
06. März 2007, 18:34 Uhr
@Roland
Hach – ich höre kaum Podcasts. Ist echt nicht mein Medium… Aber vielleicht quäle ich mich da dann mal durch.
Ich finds auf jeden Fall gut, wenn über Chancen, aber auch über die Risiken gesprochen wird.
Aber ich habe den Eindruck, dass das bei dir sehr einseitig geschieht. Aber vielleicht fehlen auch bisher die Warner, die mithelfen dass solche Aktionen in die richtige Richtung laufen.
07. März 2007, 00:43 Uhr
Egal ob bewusst provoziert oder nicht – Beispiele wie jenes von Zooppa als Crowdsourcing zu bezeichnen ist ohnehin lächerlich und wohl keiner weiteren Diskussion wert.
Ich glaube nicht, dass Roland so etwas als ernsthafte Konkurrenz für Projekte guter Agenturen erachtet. Erfolgreiche Beispiele von Open Innovation, Crowd-, Community Sourcing oder wie auch immer gibt es inzwischen zur Genüge.
Sich an diesen zu orientieren hilft der Diskussion entscheidend besser weiter, als mit dem Hammer auf die ohnehin schon schlechten Ansätze drauf zu hauen. Es sei denn es ist ein verzweifeltes Aufbäumen gegen die ‘Weisheit der Vielen’.
07. März 2007, 10:14 Uhr
@Matias & Hannes
Ne, ne, ich bin kein verzweifelter Aufbäumer… Ich bin ein großer Fan dieser Entwicklungen, besonders was die kommunikative Kraft und Bedeutung der Mundpropaganda für die Markenführung insgesamt betrifft.
Und so richtig verzweifelt bin ich übrigens nur, wenn ein Steak zu sehr durchgebraten ist ;-).
gez. Dr. Hyde
P.S.: Jetzt müssen wir “nur” noch die Markeninhaber in der Breite überzeugen und klar machen, wie sich gute von schlechten Programmen unterscheiden…Denn solange die Zooppas dieser Welt existieren oder andere permanent virales Marketing und WOM mit der Erstellung von viralen Clips und Filmchen gleichstellen, ist in unserer SAche noch einiges an Aufklärung zu tun.
07. März 2007, 10:59 Uhr
@Roland
Wusst ichs doch ;-) … und an dem ‘nur’ arbeiten wir gemeinsam – freu mich auf den Podcast!
07. März 2007, 11:10 Uhr
Die Einstellung gefällt mir! Und ich finde es Klasse, dass so konstruktiv über dieses Thema mittlerweile diskuttiert wird. Das bringt die ganze Sache wunderbar voran.
27. März 2007, 19:10 Uhr
überlege eben eine arbeit über das thema zu schreiben. habe die kommentare hier verfolgt und warte nun auf die studenten-gesprächsrunde, die von roland versprochen wurde. kann man hoffen?
27. März 2007, 21:30 Uhr
@Verena
Diese Frage solltest du Roland vom Werbeblogger stellen!
Wir hier sind da leider der falsche Ansprechpartner. Jedenfalls wenn es um das Podcast zur Studenten-Gesprächsrunde geht.
Wenn du ansonsten Fragen in Sachen Crowdsourcing hast: immer her damit.
20. April 2007, 13:12 Uhr
mag sein dass es besser ist User Generated Advertising “betreuen” zu lassen. Dann ist es aber wichtig, eine Balance zu halten, zwischen notwendiger Kontrolle und freier Entfaltung. Wenn so ein Contest ausgerufen wird, sollte das Unternehmen meiner Meinung nach von vornherein auch offen sagen, wie ernst das ganze gemeint ist, d.h. ob es vorhat die eingereichten Vorschläge auch offiziell als Werbung zu veröffentlichen. Sonst kommt der Community-”Betreuer” am Ende ganz schnell wie ein Animateur bei einer Jugendreise rüber…