StudiVZ nun auch in Der “Welt”

Matias Roskos
02. Dezember 2006, 07:23 Uhr, 3 Reaktionen
Kategorie: Web 2.0

Nun hat es das Studentenverzeichnis StudiVZ bis in “Die Welt” geschafft. Soll man gratulieren? Wohl eher nicht. Denn die Welt titelt das Ganze unter: “Wie Deutschlands heißestes Start-Up vor die Wand fährt”. Dieser Titel dürfte Don Alphonso gefallen, der sich sicher ist, dass es StudiVZ nicht mehr lange geben wird. Er hat wohl den entscheidenden Anteil am Aufdecken der vielen unglaublichen Missstände hinter StudiVZ. Ich finde die Arbeit, die er als Journalist geleistet hat, erstaunlich. Mein Kompliment. Auch wenn mir der Ton nicht immer zusagt. Aber vermutlich geht es gar nicht anders. Nur so wird er gehört und verstanden von den Adressaten, an die die berechtigte, heftige Kritik gerichtet ist.

Wenn man Skandal an Skandal sieht, fragt man sich wahrlich, wie jemand in StudiVZ Kapital (2,5 Millionen Euro!) hineinstecken konnte. Wie konnte ein so offenbar unfähiges Team so überzeugen, dass mit den Samwer-Brüdern und der Holtzbrinck-Gruppe zwei nicht unbekannte Kapitalgeber einstiegen. Oder mussten die Samwers erst gar nicht überzeugt werden und stammt die Idee ursprünglich sogar von ihnen? Wurde das Team um Ehssan Dariani nur installiert, damit das Projekt authentisch herüber kommt? Ich weiß es nicht, kann es nur vermuten. Auf jeden Fall steckte schon sehr früh fremdes Geld in diesem Projekt. Und die Zielsetzung war von Anfang an eindeutig: ein Quickflip sollte her. Erster Kaufkandidat: das amerikanische Vorbild Facebook. Hatte vor ein paar Jahren mit Ebay und dem deutschen Klon Alando ja schon wunderbar funktioniert.

Und was kommt nun? Don Alphonso meint, StudiVZ sei am Ende. Aber Deutschlands A-Blogger Robert Basic dagegen ist sich sicher, dass “StudiVZ … zu einem der großen Gewinner der frühen Startupszene der After-NewEconomy zählen” wird. Und damit wäre auch das Kapital am Ende gut investiert. Es kommt wohl darauf an, wie lang der Atem der StudiVZ-Macher ist oder ob man ihnen das augenscheinlich über ihre Köpfe gewachsene Projekt aus den Händen nimmt. Es müsste ureigenstes Interesse des Hauptinvestors Holtzbrinck Ventures sein, dass das Gründerteam, dass sich so unreif und unprofessionell aufgeführt hat und kein Fettnäpfchen ausließ (so tief es auch war) nicht mehr federführend für StudiVZ zuständig ist. Keine Ahnung, ob das rechtlich überhaupt geht. Denn schließlich gehört doch StudiVZ Ehssan Dariani, Michael Brehm und Dennis Bemmann. Oder sehe ich das falsch?

Die Welt schreibt am 1. Dezember 2006: “„Das Vorgehen zeugt von Naivität und mangelnder Erfahrung“, sagt Andreas Jung, Geschäftsführer der Medienagentur „Das Amt“. Er betreut Kunden wie Gruner & Jahr, Siemens und Otto in der Unternehmenskommunikation. „Bei StudiVZ sind haarsträubende, handwerkliche Fehler gemacht worden“, sagt er. Dariani und seine Mitstreiter hätten schneller zu den Problemen Stellung nehmen und Konsequenzen dokumentieren müssen.” Aber es ist ja nicht nur die schlechte Öffenlichkeitsarbeit. Es ist die Arroganz mit der die Jungs durchs deutsche Web fegten. Sowas kommt selten gut an. Und wenn man dann anfängt mit Nazisymbolen zu spielen und sich dabei filmen lässt, wie man Frauen versucht anzubaggern, die das einfach nur panne finden, und man dann ganz offensichtlich vorhandene Sicherheitslücken bagatellisiert und versucht unter dem Tisch verschwinden zu lassen und es dann auch noch offenkundig wird, dass man wenig Sorgfalt bei der Pflege der Portalinhalte verwendet und Stalker-Gruppen sogar ermutigt weiter zu machen, weil man es selbst witzig findet – dann sollte man sich überlegen, ob man als Gründer und Chef eines Kleinunternehmens am richtigen Platz sitzt. Damit wir uns hier richtig verstehen: es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn ein Student Party macht und meinetwegen auch mal über die Stränge schlägt. Ich wohne in Berlin, in einem Kiez wo viele Studenten wohnen und weiß wovon ich rede. Aber es ist etwas anderes, wenn ich ein Startup gründe, Venture Kapital aufnehme und eine Community von 500.000 Leuten betreue (jetzt sollen es über 1 Million sein) und dann Videos ins Netz stelle wie ich in der U-Bahn Mädels belästige, auf einer Toilette mit einer alkoholisierten oder bekifften Blondine rumlalle und so weiter und so fort. Ehssan Dariani und die anderen Mitgründer sind keine Studenten mehr, die sich alles erlauben dürfen. Und sie sind auch keine 18 mehr, sondern Mitte 20. Mit jugendlichem Leichtsinn sollte da eigentlich nicht mehr viel sein. Von solchen Personen erwarte ich zumindest einfach mehr Verantwortungsgefühl, mehr Respekt vor Frauen, vor seinen Usern, vor seinen Investoren, vor anderen Startup-Projekten, die nebenbei noch weit innovativer und einfallsreicher daherkommen.
Zurück zur Zukunft von StudiVZ. Robert Basic schreibt: “Es würde nur dann mit StudiVZ nix werden, wenn die ihre Probleme dauerhaft nicht in den Griff bekommen. Doch ein halbes Jahr ist viel, viel Zeit, nach vorne zu kommen und besser zu werden. Denn niemand hält auf Dauer negativen Druck seitens Presse/Bloggern aus (ja meine Herren, schreit und lächelt ruhig, Blogger sind auf Dauer, wenn sie denn erst einmal intensiv ihren Laserstrahl auf ein Ziel bündeln wie ein kleiner Todesstern:). Selbst der letzte Student würde langsam wach werden. Da das jedoch alles lösbar ist und man auch vor keinen unmöglichen Problemen steht, wird StudiVZ noch erfolgreicher, größer und bekannter werden.” Und so leid es mir tut, ich muss ihm zustimmen. Ich sehe es genauso. Ich würde mir nur ehrlich wünschen, dass StudiVZ dann von Menschen geführt wird, die wissen was sie tun, die professionell arbeiten, die sich wirklich um die Qualität ihrer Community kümmern und die der deutschen Startup-Szene helfen, das andere gute Projekte auch eine ehrliche Chance bekommen. Es ist auf jeden Fall eine gute Idee, dass es eine führende Plattform für die Studenten gibt. Ob die am Ende tatsächlich StudiVZ heißt oder Unister oder Studylounge oder Zeeya ist mir ehrlich gesagt total egal. Aber man sollte sich als deutscher Community-Manager nicht schämen müssen, wenn man auf deutsche Social Networks angesprochen wird und einem jeder mit StudiVZ kommt. Es gibt noch andere Projekte, bessere Portalbetreiber, intelligentere Gründer und verantwortungsvollere Community-Manager. Glaubt mir.

Und um auch mal kurz auf die Kritik etlicher Studenten in StudiVZ-Blog einzugehen. Ja, Blogger haben das Recht und sogar die Pflicht über die Missstände bei StudiVZ und natürlich auch anderen Projekten zu berichten. Dieses Blog wird u.a. von vielen Designstudentinnen gelesen. Und sie sollen wissen was abgeht und abging um StudiVZ. Von StudiVZ erfahren sie das ja nicht. Blogs haben sie informiert. Und ich bin kein gelangweilter Blogger, der nicht weiß was er sonst schreiben soll. Mir tut es sogar Leid, das andere Beiträge wie über Zweitgeist.com, Exchange*Me oder Holotof zum Beispiel weit weniger Aufmerksamkeit erfahren als StudiVZ. Es gibt so viele gute und interessante Webseiten und Projekte, die kaum Beachtung finden. Ich versuche sie genauso zu würdigen. Andere Blogger tun Gleiches. Aber wenn ein deutsches Vorzeige-Portal so unzulänglich und verantwortungslos betrieben wird und man so unglaublich schlecht in Sachen Kommunikation vor allem auch mit den eigenen Usern agiert und sich dabei noch so überheblich und frauenfeindlich präsentiert, darf das nicht ungesagt bleiben. Und niemand in diesem Land, auch kein Blogger, darf sich den Mund verbieten lassen, liebe StudiVZ-Fans.


Über den Autor

Matias Roskos
2708 Beiträge

Matias Roskos ist der Gründer des VisualBlog. Neben seiner Tätigkeit als Blogger ist er noch Inhaber von Deutschlands erster Community- und Crowdsourcing-Agentur VOdA. Als Crowdsourcing-Evangelist beschäftigt er sich als Redner und Autor mit dem Thema Open Innovation, Crowdsourcing und Socialnetworkstrategien. Er schreibt für diverse andere Webprojekte und betreibt das Fachblog Socialnetworkstrategien.de

3 Reaktionen

  1. Kommentar von sean
    13. Dezember 2006, 16:24 Uhr

    Hi, gibt’s eigentlich auch vergleichbare Portale für Nicht-Studenten. Ich finde es ziemlich schade, dass diese ausgeschlossen werden, obwohl sie gern dabei wären. Ober ist der eltiären Ansatz Teil des Erfolgs??

  2. Kommentar von Matias
    13. Dezember 2006, 16:30 Uhr

    Klar gibts auch Portale für Nichtstudenten. Mir fallen da ein Lokalisten.de, Kiezkollegen.de oder auch xing.com.
    Dazu gibt es etliche rein regionale Communitys!

  3. Kommentar von Natalie
    28. Juni 2008, 22:50 Uhr

    Hallo Ihr lieben,

    habe da eine gute Alternative zum StudiVZ gefunden, sind aber irgendwie super viele aus Brasilien drin:
    Stuxum (URL gelöscht. Werbung wird in Rechnung gestellt!)

    Viel Spass
    Nat

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