Neues von und um StudiVZ

Matias Roskos
18. November 2006, 08:34 Uhr, 4 Reaktionen
Kategorie: Web 2.0

Wenn man wollte könnte man den halben Tag damit verbringen Artikel über StudiVZ und Blogeinträge inklusive der Kommentare auf dem StudiVZ-Blog zu lesen. Nur habe ich diese Zeit nicht. Aber das Thema ist mir wichtig. Warum? Weil StudiVZ ein deutsches Web 2.0-Vorzeigeprojekt ist war. Weil Investoren viel Geld investiert haben und mir dabei das Herz blutet, wie fahrlässig mit diesem Geld und vor allem auch mit der mittlerweile gewaltigen Community umgegangen wird. Ich sehe mich selbst als Internetpionier und durchaus auch als Experte für Web 2.0 und Trends im Internet. Ich möchte in der Zukunft viel mit meiner Kreativcommunity auf VisualOrgasm arbeiten und kann mir auch vorstellen andere Portale in Fragen von Communitypflege und -aufbau zu beraten. Da hat mich StudiVZ gefälligst zu interessieren.

Und ich hoffe, dass das Projekt entweder ganz schnell von der Bildfläche verschwindet oder aber WIRKLICHE Konsequenzen gezogen und die Führungsstruktur umgebaut wird. Es ist nunmal kein kleines Studentenprojekt mehr, was es vermutlich auch nie war, wenn man sieht wie schnell viel Geld reingepumpt wurde. Es ist ein Unternehmen mit (angeblich) 50 Mitarbeitern (darunter möglichweise 45 Praktikanten), einer prall gefüllten User-Datenbank und massig Traffic. Ein solches Projekt muss professionell geführt werden. Das bedeutet ja nicht, dass es nicht weiter menscheln darf bei StudiVZ. Und auch Fehler dürfen gemacht werden. Aber man muss dann auch erkennbar daran arbeiten diese Fehler abzustellen. Und man muss sich jederzeit seiner Verantwortung als Betreiber eines Portals diesen Ausmaßes bewusst sein! Auch mit 26 Jahren, wie Ehssan Dariani.

Erste Ansätze des Dazulernens sind nun im StudiVZ-Blog nachzulesen. Es scheint voran zu gehen. Ich unterstelle den Machern an dieser Stelle mal, dass sie es ehrlich meinen. So viel Fairness muss sein. Es heißt dort: “studiVZ nimmt den Schutz der Nutzerdaten sehr ernst – sowohl technisch als auch organisatorisch. Das gewährleistet u.a. unser Datenschutzbeauftragter. Er ist verantwortlich für

  • Kontakt zum lokalen Datenschutzbeauftragten des Landes Berlin
  • Laufende Aktualisierung der internen und externen Bestimmungen nach den neusten Richtlinien von Bund und EU
  • Kontrolle der Einhaltung der internen Bestimmungen und Abläufe mit dem Umgang von Daten
  • Interne Sensibilisierung der Mitarbeiter für den Datenschutz und dessen konsequenter Umsetzung
  • Einbindung von Datenschutz bei neuen Funktionen und technischer Infrastruktur

Diese Funktion wird von Manfred Friedrich (39) wahrgenommen. Er arbeitet bei studiVZ im Bereich Entwicklung und Betrieb.

Dazu werden dann etliche Fragen beantwortet, die schon lange hätten kommuniziert werden können. Aber wenigstens geht man jetzt endlich darauf ein. Hier ein paar Auszüge: “Warum stand in der Hilfe von studiVZ “Folgende Gruppen akzeptieren wir nicht:
Gruppen, die Kritik am StudiVZ ausüben – Gruppen, die wir nicht mögen – Gruppen für Meinungs- und Rezeptionsfreiheit”?

Da wollten wir mal witzig sein. Wir hätten nie gedacht, dass diese Aussage wirklich ernst genommen werden könnte. Wir lieben die Meinungsvielfalt auf studiVZ, denn diese macht das Netzwerk lebendig. Der obige Text war ironisch gemeint und wurde nun gestrichen. Es heißt jetzt: „Wir akzeptieren grundsätzlich jede Art von Gruppen solange sie sich nicht in aggressiver Art und Weise gegen Gruppen oder Menschen richten, oder geltendes Recht verletzen.“

Humor? Man, Jungs. Wo habt ihr euren Humor nur gefunden? Bei Jackass? Ich kapier sowas echt nicht… Man macht sich lustig über seine User. Und das geht nich, ey!

“Habt ihr nicht erst kürzlich einen kritischen Kommentar zu studiVZ in einer Gruppe gelöscht?
Wir haben die Firma auf den Kopf gestellt um herauszufinden was passiert ist. Später hat sich dann herausgestellt, dass der Verfasser seinen Account und damit auch den Kommentar selbst gelöscht hat.”

Darf man das glauben? Naja. Zweifel bleiben. Aber wie heißt es so schön? Im Zweifel für den Angeklagten.

“Habt ihr im Blog kritische Kommentare nicht freigeschaltet?
Das war einmal und tut uns leid. Wir hätten von Anfang an alles freischalten sollen.

Ja, das hättet ihr tun sollen. Und ich kann beim besten Willen nicht verstehen, wie man so handeln konnte, wenn man es ehrlich meint mit seiner Community!!! Und da ist für MICH das Grundproblem. Ich habe nicht den Eindruck, dass es den Machern hinter StudiVZ wirklich um die User, um die Community, um das Netzwerk für Studenten geht. Sie haben ganz sicher viel gearbeitet in den vergangenen Monaten. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass es am Ende nur darum geht damit richtig viel Kohle abzuräumen. Schnell das Ding hochziehen und dann für richtig gutes Geld verkaufen. Was stören da Probleme in den Bereichen Programmierung und Server? Scheißegal. Ist sowieso bald verkauft… Und das tut mir weh, wenn ich diesen Eindruck gewinne. Ich betreibe das deutsche Design-Link-Portal VisualOrgasm gemeinsam mit Frank Feldmann seit über fünf Jahren. Klar will man auch mal Geld verdienen damit. Aber mir war und ist immer jeder einzelne Nutzer wichtig gewesen. Und es gibt so viele andere, wirklich gute Projekte im Netz (wie zum Beispiel Exchange*Me - ich berichtete darüber), die (noch) vor sich hindümpeln. Und dann sieht man wie verantwortungslos Geld bei StudiVZ verbraten wird und wie die eigenen User zum Teil so richtig verarscht werden. Und die anderen Studentenplattformen wie Unister oder Studylounge wundern sich, warum die User zu StudiVZ gehen und nicht zu ihnen kommen. Keine Ahnung, welche Plattform die bessere ist. Aber – Jungs: bei StudiVZ steckte von Anfang an Kohle dahinter. Damit konnte man ein sicherlich gutes Konzept konsequent durchziehen. Geld + gutes Konzept + Power + gute Kontakte + Glück = Erfolg. Den meisten fehlen ein oder zwei Punkte davon. StudiVZ hatte, bis zu diesem Herbst zumindest, alles…
Ach ja – die Finanzierung wurde auch offen gelegt. Keine Ahnung, ob die Zahlen stimmen. Ist aber auch egal. Da die Summe siebenstellig ist, ist es auf jeden Fall viel Geld was drin steckt. Auch wenn die Summe in Wirklichkeit schon achtstellig sein sollte, ändert das nichts an der Tatsache, dass hinten das Wort “Million” steht! Hier ein Auszug aus dem StudiVZ-Blog: “Wie viel Geld wurde studiVZ zur Verfügung gestellt?
Insgesamt haben alle Gesellschafter € 2,5 Mio. für den Aufbau von studiVZ bereitgestellt. Davon stammen € 2,0 Mio. von Holtzbrinck Ventures GmbH (August 2006). Darüber hinaus gab und gibt es keine weiteren Vereinbarungen.

Mit dem Geld kommt man schon mal eine Weile voran. Doch dann muss auch mal Geld verdient werden. Und bisher verdient StudiVZ so gut wie kein Geld, wie sie zugeben. Und das ist sehr gefährlich. Also: verkaufen. Dann fließt Geld. Und da sollte (?) es wohl hingehen… Gespräche mit Facebook soll es bereits gegeben haben.
So. Und wenn ich nun habe StudiVZ zu ihrem wohlverdienten Recht kommen lassen, muss ich nun auch wieder Don Alphonso erwähnen. Der gibt sich nämlich nicht zufrieden und sucht weiter nach Makeln bei StudiVZ. Und was er so findet, ist tatsächlich erstaunlich und traurig. Er schreibt: “Momentan versuchen sich die Domaingrabber, Wikipediafälscher, Fakeblogger und Nazistileinlader des bekannten Web2.0-Startups StudiVZ um Schadensbegrenzung. Die Sicherheit der Daten ihrer Nutzer ist heute im Mittelpunkt eines weiteren Rechtfertigungspostings.

Man muss es dem Mann lassen – schreiben kann er. Und dann kommt folgendes: “Angesichts der Tatsache, dass ich nich heute Nacht bei Recherchen zu ihren sexuell abseitigen Gruppen nicht mehr austragen konnte und damit jede Form von Privatspäre weg war, ein wirklich mauer Versuch. Dank eines Kommentars habe ich aber gerade feststellen dürfen, dass ich nicht allein damit bin: Betroffen von wirklich schlimmen und folgenschweren Sicherheitslücken sind nicht nur normale Mitflieder, sondern sogar Gründer Ehssan Dariani und Investor Kolja Hebenstreit. Angesichts solcher Nazianleihen und einiger weiterer unschöner Geschichten wie Klofilmereien und Anmachen in der U-Bahn hat Ehssan Dariani Angst bekommen und am 14.11.2006 um 01:46 Uhr seinen Freund, Investor und Partybegleiter Kolja Hebenstreit gebeten, alle möglicherweise problematischen Materialien aus diversen Web2.0-Applikationen zu entfernen. Genauer sagte er auf der sogenannten Pinwand von Kolja Hebenstreits StudiVZ-Profil (http://www.studivz.net/profile.php?ids=Yk2):

bitte alle bilder auf flickr, vz, youtube etc. systematisch durchforsten und nicht 100% einwandfreie löschen. thx.

Und dann hat Ehssan Dariani diese Nachricht mehr oder weniger wieder gelöscht.

Woher ich das alles weiss? Nun, weil es bis jetzt offen sichtbar unter der immer noch sichtbaren Nachricht steht, in folgender Ergänzung:

Diese Nachricht wurde von Ehssan gelöscht und
wird anderen Mitgliedern nicht mehr angezeigt.

Das kann nicht sein oder? Wie blöd muss man sein, so etwas über die StudiVZ-Plattform zu erledigen. Wozu gibt es ein Telefon? Sprecht ihr nicht mehr miteinander, Ehssan und Kolja? Ich meine – ich wunder mich nicht, dass Ehssan hat Bilder wieder löschen lassen. Da hab ich sogar ein Stück weit Verständnis für. Aber das erledige ich doch geschickter. Und klar: warum ist die Meldung immer noch zu sehen, wo sie doch gelöscht werden sollte. Da hakt es wohl an allen Ecken auf dem StudiVZ-Portal.

Es gibt bei Don Alphonso natürlich einen Screenshot dazu. Und wieder viele interessante Kommentare. Er deckt klar und deutlich auf, was für ein schwaches System hinter StudiVZ steckt. Das dürfte jedem halbwegs guten Programmierer Tränen in die Augen treiben. Ich gehe davon aus, das man bei StudiVZ hart an diesen Problemen arbeitet. (Oder tut man nur so, weil man das Ding ja sowieso bald los ist?)

Auch zahlreiche Pornogruppen hat Don Alphonso auf StudiVZ ausfindig gemacht. Dumm nur für ihn, dass er sich mehrere Stunden nicht wieder abmelden konnte dort. *grins*

Klar – bei einem so ausufernen Projekt ist es unvermeidlich, wenn auch solche Spameinträge auftauchen. Aber auch da muss StudiVZ reagieren. Da müssen Praktikanten oder engagierte User (und davon gibt es garantiert zahlreiche) drauf angesetzt und Meldungen von solchen Spamgruppen sofort (!!!) bearbeitet werden. Das Portal muss gepflegt werden. Auch das macht ein gutes Portal aus. Nicht nur massig User und massig Traffic. Qualität, Jungs! Engagement. Setzt das Geld auch für sowas ein.

Der Versuch einen Überblick über die Entwicklungen zu schaffen und zu behalten, versucht Karsten Wenzlaff auf seinem Blog. Dort dann auch etliche andere Meinungen und Weiterlinkungen zu anderen Blogs.

Und auch Martin Oetting hat zu dem ganzen StudiVZ-Chaos Stellung bezogen. Und das auf eine Art, die mir sehr sympathisch ist: “Eigentlich neige ich nicht dazu, Leuten Misserfolg zu wünschen. Deutschland ächzt manchmal zu sehr unter einer Neidkultur, die oft den Erfolg behindert. Anstatt dass Leuten Mut gemacht wird, die auf der Straße des Erfolges zu sein scheinen, wird säuerlich genörgelt und damit gehadert, dass man selber weniger Erfolg hat. Das mag ich nicht, und ich bemühe mich darum, selber keine solchen Neigungen an den Tag zu legen. Wenn allerdings unverantwortlicher Umgang mit Nazi-Insignien ins Spiel kommt, werde ich sehr unruhig. Und neige dazu, entsprechend Verantwortliche für arg verantwortungslos (wenn nicht für dumm und gefährlich) zu halten. Und denen gönne ich auch – ganz ehrlich – keine Millionen.

Johnny Haeusler bringt es in diesem Kommentar nochmal auf den Punkt, warum es wichtig ist, diese Geschichten zu verbreiten. Damit sich nämlich nicht die Vermutung breit macht, dass man als erfolgreicher Gründer auch alle guten Sitten fahren lassen könne.”

Martin spricht mir damit wirklich aus der Seele. Und in den Kommentaren schreibt Martin dann noch: “Du bemerkst richtig, dass es an der Tatsache, dass StudiVZ komplett von Facebook kopiert worden ist, wenig auszusetzen gibt. Das sehe ich ähnlich. Es sind immer wieder interessante Geschäftsmodelle aus anderen Ländern übernommen und erfolgreich umgesetzt worden.

Das Problem ist nicht die Einzelheit, sondern, dass sich das alles mittlerweile zu einem etwas unschönen Gesamtbild vermengt. Natürlich ist es nicht schlimm, ein Geschäftsmodell 1 zu 1 nachzubauen. Natürlich ist es nicht schlimm, ein etwas arroganter Typ zu sein. Natürlich ist es nicht soo schlimm, Frauen mit der Digitalvideokamera nachzustellen, und die Ergebnisse im Internet zu veröffentlichen. Nur ziemlich geschmacklos und indiskret. Es ist sicher auch nicht ganz so schlimm, an Wikipedia-Einträgen herumzudoktern. Es ist allerdings schon etwas fragwürdig, wenn man Meinungen, die gegen die Community gerichtet sind, in der Community ausdrücklich verbietet. Und ganz grausig wird’s dann, wenn man mit den Insignien der Nazis spielt.

Wenn Du Dir diese Liste ansiehst, wird deutlich: der einzelne Faktor ist es nicht, sondern es ist die Häufung von unangenehmem öffentlichen Auftreten, mit der sich Ehssan Dariani derzeit unbeliebt macht. Ich finde zu recht. Dass StudiVZ trotzdem ein enormer (Mundpropaganda-)Erfolg ist, wird ja gar nicht in Abrede gestellt. Aber es gibt einige Leute – und zu denen zähle ich auch -, die finden, dass Erfolg mit Verantwortung einher gehen sollte. Und da hapert es grade ein wenig.”

Fazit? Gibt es ein Fazit? Nein. Wohl noch nicht. Es bleibt interessant. StudiVZ scheint eine richtige Richtung einzuschlagen, was aber fast egal ist, wenn sie bald verkauft sind. Was wohl immer das eigentliche Ziel war. Auf jeden Fall ist StudiVZ nicht gut für die deutsche Web-Startup-Szene. Und ich hoffe, dass diese Vorfälle nicht auf die Investitionslust und Risikobereitschaft von Investoren drücken. Und ich hoffe, dass User von Web 2.0 Portalen fair und offen behandelt werden. Es gibt noch genug andere wirklich interessante und gute Web 2.0 Projekte in Deutschland, die es wert sind beachtet und unterstützt zu werden, wie Qype, Mister Wong, Xing, Exchange*Me, Zweitgeist, das deutsche LaFraise – das bald kommt und auf das ich mich schon sehr freue!!! – und hoffentlich bald auch das neue VisualOrgasm.


Über den Autor

Matias Roskos
2708 Beiträge

Matias Roskos ist der Gründer des VisualBlog. Neben seiner Tätigkeit als Blogger ist er noch Inhaber von Deutschlands erster Community- und Crowdsourcing-Agentur VOdA. Als Crowdsourcing-Evangelist beschäftigt er sich als Redner und Autor mit dem Thema Open Innovation, Crowdsourcing und Socialnetworkstrategien. Er schreibt für diverse andere Webprojekte und betreibt das Fachblog Socialnetworkstrategien.de

4 Reaktionen

  1. Pingback von StudiVZ: Stein des Anstoßes - Telagon Sichelputzer
    18. November 2006, 11:46 Uhr

    [...] Wie Matias es richtig sagt, gibt es weitaus bessere und andere Web 2.0 Unternehmen, die diese Aufmerksamkeit benötigen. Explizite Namen braucht man ja eh nicht nennen, wenn man weiß, dass das Herz für diese und anderen Unternehmen schon allein durch die tägliche Schreibe schlägt. [...]

  2. Pingback von links for 2006-11-18 auf F!XMBR
    19. November 2006, 00:29 Uhr

    [...] Neues von und um StudiVZ (tags: studivz web2.0 grandios) [...]

  3. Kommentar von bed
    19. November 2006, 08:40 Uhr

    So ein Zufall, in unserer regionalen Zeitung war gerade ein Jubelartikel ueber studivz, Er ist auch online zu finden.
    newsclick.de

  4. Kommentar von Natalie
    28. Juni 2008, 22:58 Uhr

    Hallo Ihr lieben,

    habe da eine gute Alternative zum StudiVZ gefunden, sind aber irgendwie super viele aus Brasilien drin:
    Stuxum (URL gelöscht. Werbung wird in Rechnung gestellt!)

    Viel Spass
    Nat

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