PAGE schreibt sehr interessant über die neue Rolle der Kreativen

Matias Roskos
04. Oktober 2006, 11:40 Uhr, 0 Reaktionen
Kategorie: Open Innovation

In der aktuellen Ausgabe der PAGE beschäftigt sich der Leitartikel mit dem Thema “Die neue Rolle des Kreativen – Technik, Wirtschaft, Gesellschaft – nichts bleibt, wie es war”.Da die PAGE in erster Linie für Kreative gemacht und von Designern, Illustratoren, Art-Direktoren, Freelancern und ähnlichen Zielgruppen konsumiert wird, ist es verständlich, dass die PAGE versucht die aktuelle Entwicklung von User generated content und Crowdsourcing aus der Sicht der Kreativen zu sehen und darzustellen.
Das machte mich erst skeptisch, als ich die PAGE diesmal aufschlug. Aber schon nach den ersten Sätzen merkte ich, dass die Autorin Jutta Nachtwey nicht die Absicht hat in einem Designer-Kokon zu verweilen, sondern die Denkstrukturen von “Kreativ-Profis” aufzubrechen und die Entwicklung so aufzuzeigen, wie sie ganz real ist. Sie schreibt:
Ein schwammiger Begriff war Kreativer immer schon. Nun ist er das umso mehr: Seit im Zuge des User-Generated-Content-Hypes jedermann bei der Kommunikation rund um Produkte und Marken mitmachen darf, taugt der Begriff immer weniger als Berufsbezeichnung. Ob selbst kreierte Handymovies oder Internet-TV-Spots, jeder ist aufgrund des technischen Fortschritts und Web 2.0 ein potenzieller Kreativer – und von den Unternehmen mitunter heißer begehrt als die Profis. Denn die klassische Kommunikation lockt mittlerweile bekanntlich kaum noch einen hinter Computer, PlayStation, Handy oder iPod hervor.
Ich fand es im ersten Moment schade, dass sie nicht mit dem Begriff Crowdsourcing arbeitet, der hier ja durchaus angebracht wäre. Da ich mich aber mit dieser Begrifflichkeit selbst auch immer schwerer tue – und ihn nur noch verwende, weil er sich mittlerweile fast schon eingebürgert hat – gefallen mir die Ausführungen von Jutta Nachtwey ausgesprochen gut. Mir wäre es auch lieber, wenn man statt über Crowdsourcing lieber über NetSourcing oder ComSourcing spricht (siehe meinen VisualBlog-Eintrag von heute).
Zurück zur aktuellen PAGE: “Ernst ist es aber für die Kreativen geworden – sie haben die User unterschätzt. Zuerst wollten sie nicht glauben, dass irgendwelche dahergelaufenene Netzbürger ihnen Konkurrenz machen könnten. Aber die sind zum Teil professioneller als erwartet.” Als Beispiel wird der Sony-Spot genannt, den Tyson Ibele vor ein paar Monaten als Wettbewerbsbeitrag für die Kategorie Open Source Advertising bei CurrentTV eingereicht hatte. Der 19jährige Amerikaner, der bei einer Animationsfirma arbeitet, erhielt 1.000 Dollar für den von Sony abgesegneten Spot.
Dass die Sony-Agenturen “McKinney & Silver” und “Bagby and Company” gezwungen waren, die kreative Kontrolle abzugeben, belustigte Mike Fasulo, Chief Marketing Officer von Sony Electronics. Gegenüber der “New York Times” erklärte er: “Wir können den Agenturen so einen schönen Schrecken einjagen. Das macht einfach Spaß! Inzwischen haben die Profis kapiert, dass sie die Content generierenden User ernst nehmen müssen.
Herrlich! Auch in namhaften Unternehmen wird das Interesse immer größer, die User einzubeziehen in die Ideenfindung von Werbekampagnen, Storyboards, Designs und andere kreative Dienstleistungen. Der User ist King. Denn er weiß am besten, was er selbst möchte – und was auch nicht. Niemand ist dichter dran am Zeitgeist als der User selbst.
Was ist es, was die wirklichen Amateure den Profis voraus haben? Jene Unprofessionalität, die momentan gefragt ist, und die Agenturen wenig erfolgreich zu simulieren versuchen.
Ich bin allerdings der festen Überzeugung, dass das nicht nur ein vorübergehender Trend ist. Sondern es entwickelt sich eine völlig neue Schiene im Kreativprozess. NetSourcing, die kreative Ideenfindung über das Netz und mit einer Community – Kreativ-Community für die Kreativ-Ideen plus Voting-Community für den Findungs- und Auswertungsprozess – wird in der Zukunft fester Bestandteil in der Designer- und der Marketing-Welt werden. Davon bin ich überzeugt. Was wir jetzt erleben, ist nur der Anfang.
Blogprojekte wie die Riesenmaschine.de sind da schon auf dem richtigen Weg. Einen breiten Raum bekommt in dem PAGE-Artikel Holm Friebe, Agent der Zentralen Intelligenz Agentur Berlin, die hinter der Riesenmaschine steckt.
Die PAGE schreibt: “Während viele andere Kreative in einer Art Identitätskrise stecken und noch nach ihrer neuen Rolle suchen, ist der Kunde/User rasend schnell reif geworden. Dank Internet ist er informiert, anspruchsvoll, kritisch, handlungsfähig. “Der Endkonsument existiert in dem Sinne nicht mehr. Er ist eher eine Art Relaisstation und gibt permanent Feedback“, erklärt Holm Friebe. “Statt einer linearen Konsumkette entsteht ein Kreislauf, der immer neue Produktmodule hervorbringt, aus denen sich jeder seine Variante zusammenstellt.” Friebe glaubt, dass Individualisierung im Web nun auf einer ganz anderen Ebene stattfinden kann. Es geht längst nicht mehr um simples Customizing. “Die Leute müssen sich nicht mehr vorwiegend über Konsum und Lifestyle definieren, sondern können Individualität darüber herstellen, wie sie arbeiten, ihre Kreativität einbringen, mit anderen kooperieren und an Produkten und Marken mitarbeiten.” Gestalten im herkömmlichen Sinn – das Verschieben von Bildern, Balken, Buchstaben, Buttons – verliert in vielen Bereichen an Stellenwert, die Entwicklung von intelligenten Konzepten für Kommunikationsstrategien und Markenpositionierungen, die den Nutzer einbinden, wird dafür umso wichtiger.
Besser kann man es nicht sagen! Es lebe der User. Es lebe der neue kreative Prozess, auf den der mündige Netzbürger größtmöglichen Einfluss hat.

Quelle: PAGE 11.2006, Seite 18-29


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Über den Autor

Matias Roskos
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Matias Roskos ist der Gründer des VisualBlog. Neben seiner Tätigkeit als Blogger ist er noch Inhaber von Deutschlands erster Community- und Crowdsourcing-Agentur VOdA. Als Crowdsourcing-Evangelist beschäftigt er sich als Redner und Autor mit dem Thema Open Innovation, Crowdsourcing und Socialnetworkstrategien. Er schreibt für diverse andere Webprojekte und betreibt das Fachblog Socialnetworkstrategien.de

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