Web 2.0 – Was ist der wirkliche Wert?

Matias Roskos
08. September 2006, 13:54 Uhr, 4 Reaktionen
Kategorie: Web 2.0

Wenn zur Zeit von Web 2.0 die Rede ist, schreiben alle über die neuen gewaltigen Communities wie Myspace.com, Facebook oder Friendster. Man meint Videoportale wie Youtube, Clipfish oder Sevenload. Man denkt an Social Bookmarking Systeme wie Digg.com, del.icio.us, Blogmarks oder Mister Wong. Und nicht zuletzt meint man das gewaltige Bildportal Flickr. Nicht zu denken an die vielen kleineren Bild- und Videoportale, die es – aus welchen Gründen auch immer – noch nicht in die Medien geschafft haben.
Man meint mit Web 2.0 die vielfältigen Möglichkeiten der Social Networks, die sich auf OpenBC, StudiVZ, Myspace, Qype,  Cafespot und anderen Seiten bilden. Man denkt an Skype (schon von Ebay aufgekauft), Tagging, RSS-Feeds und ans Bloggen.

Alles richtig. Alles elementare Bestandteile von Web 2.0. Aktuell werden Geschäftsmodelle gesucht, um aus diesen gewaltigen Datenbankbeständen und Netzwerken auch einen marktwirtschaftlichen Nutzen zu ziehen. Eine ganz normale, logische Entwicklung. Auch wenn das die User in den Communities nur bedingt begeistern dürfte. Aber warum erst zu iTunes surfen, wenn ich mir Musik auch auf Myspace.com downloaden könnte. Oder warum die neueste Folge von “Verliebt in Berlin” nicht schon drei Tage vorher auf Sevenload ziehen. Oder warum nicht zwei Euro im Monat bezahlen, wenn ich dafür unbegrenzten Zufriff auf Millionen von guten (oder auch weniger guten) Bildern habe.
Aber man darf sich schon Fragen, ob 900 Millionen US-Dollar, die Google in Myspace.com als Garantiesumme für Werbung investiert, nicht ein bisschen viel sind. Auf die Frage “Warum überweist Google diese enorme Summe um als alleinige Suchmaschine auf Myspace.com präsent zu sein?” gibt es eine klare Antwort: Weil Google es sich leisten kann! Das Geld ist da, Dank Börse und Aktionären. Und wenn Google nicht zugeschlagen hätte, wäre Microsoft zum Zuge gekommen. Die Claims im Internet werden weiter abgesteckt. Das Kapital dafür ist vorhanden. Man investiert in die Zukunft. Auch wenn man weiß, dass diese Summe so schnell nicht direkt amortisiert werden kann.

Fest steht: den Inhalt des Web 2.0 machen zu 90 Prozent die User selbst, nicht die Leute die hinter den Projekten stecken. Das Kapital sind die Unmengen an Daten, die in den vergangenen zwei bis drei Jahren gesammelt wurden. Und damit meine ich nicht allein die Videos und Bilder, also real existierende Güter.

Welche Interessen haben welche Altersgruppen? Welche Musik mögen sie, welche Filme kommen gut an, worüber unterhalten sie sich? Aus welchen Regionen kommen sie? Welche Fernsehsendungen werden diskutiert und welche Sitcoms finden gar nicht statt in den Blogs und Diskussionsrunden? Wie wichtig sind Bildung, Religion, Berufsstand? Welche Marken tauchen im Sprachgebrauch permanent auf?
Es wird heruntergeladen und konsumiert. Es wird verlinkt, gebloggt und bewertet. Mit jeder Aktion gibt der User ein winziges Stück Preis von sich. Das ist nichts Schlimmes, nichts Verwerfliches. Aber man sollte im Hinterkopf haben, dass jede Aktion speicherbar ist, registriert wird. Für Statistiken. Für Trends. Für die Zukunft. Die User melden sich an, loggen sich ein. Datenschutz? Adé.
Oder auch nicht. Denn viele User geben ganz sicher nicht alles von sich Preis, wenn sie sich anmelden. Stimmt die Adresse überhaupt? Die Stadt in der sie leben? Stimmt das Alter? Noch gibt es keine verlässlichen Umfragen, ob und welche Angaben bei einer Anmeldung auf einem Portal überhaupt korrekt sind. Klar – die Email-Adresse muss, für den Augenblick zumindest, stimmen. Aber alles andere? Wird da nicht ganz schnell aus dem 45jährigen Michael aus Hannover ein 27jähriger Shannon aus Sydney. Oder aus der 32jährigen Nicole aus Soest eine 23jährige Vanessa aus Berlin?

Es gibt einen gewaltigen Berg von Daten. Ein Teil davon ist sicherlich Müll. Und trotzdem sind es Datenbestände von unschätzbarem Wert. Wenn man weiß damit etwas anzufangen. Denn man kann daraus erkennen, was die Leute mögen und was nicht. Wonach sie suchen und wonach nicht. Was ankommt und was abturnt. Und das auch noch life, in realtime. War die heutige Folge von “GZSZ” gut? Wie soll es mit dieser angedeuteten Liebesgeschichte weitergehen? Im Internet könnte man es erfahren.
Das muss doch genial sein für Marketing-Agenturen, Trendforscher, Unternehmensberater, Sitcom-Drehbuchschreiber und Firmen die auf der Suche nach der Zukunft sind. Doch noch können wir nicht lesen. Oder nur ein wenig. Wir sind wie sechsjährige, die gerade in die Schule gekommen sind und die ersten Buchstaben entziffern können.
Aber ich gehe davon aus, dass es bereits etliche Leute gibt, die gerade jetzt versuchen lesen zu lernen. In den Datenbergen des Web 2.0. Aus der ein Teil der Zukunft entsteht – der virtuellen wie auch der realen.


Über den Autor

Matias Roskos
2708 Beiträge

Matias Roskos ist der Gründer des VisualBlog. Neben seiner Tätigkeit als Blogger ist er noch Inhaber von Deutschlands erster Community- und Crowdsourcing-Agentur VOdA. Als Crowdsourcing-Evangelist beschäftigt er sich als Redner und Autor mit dem Thema Open Innovation, Crowdsourcing und Socialnetworkstrategien. Er schreibt für diverse andere Webprojekte und betreibt das Fachblog Socialnetworkstrategien.de

4 Reaktionen

  1. [...] In meinem Artikel “Web 2.0 – Was ist der wirkliche Wert” hatte ich dargelegt, worin ich den aktuellen Wert der Web 2.0 Projekte wie Flickr, Youtube, Myspace, Digg.com oder OpenBC sehe. In der unendlichen Zahl von Daten und Informationen die angehäuft werden. Und aus denen sich Trends und Zukunftsperspektiven ablesen lassen. Aber womit kann man zukünftig Geld verdienen. Jochen Krisch sprach in seinem Artikel “Web 2.0 Denkfehler: Consumities vs. Communities” so treffend von den Consumities, den sich Kapitalgeber und Portalbetreiber wünschen würden. Aber das ist zu simpel gedacht von Seiten der Investoren. ‘Ich habe ein Portal mit hunderttausenden von Usern. Also werde ich doch wohl an die auch was verkaufen können!’ Das funktioniert so simpel nicht. Die User sind (zum Glück) nicht blöd. Aber klar macht es für Ebay, Amazon, iTunes oder auch Spreadshirt Sinn in große Portale zu investieren und so neue Absatzkanäle zu erschließen. Aber das wird nicht der allein glücklich machende Weg für die Portale sein, um endlich auch Geld zu verdienen. [...]

  2. [...] Das sind Investments in die Zukunft. Ob sich das je amortisiert? Das lässt sich aus meiner Sicht nicht so einfach berechnen. Worin der Wert dieser Plattformen besteht, habe ich in diesem Artikel dargelegt. [...]

  3. [...] Aber die folgende Passage find ich verdammt gut: “Für Unternehmen wird die Qualität ihrer Daten künftig entscheidend sein. Wir betreten eine Welt, in der sich Vorteile am Markt aus die Herrschaft über Datenquellen ergeben.” Das ist genau DIE Aussage, die ich hier auch schon getroffen habe. Der eigentliche Wert liegt in den Datenbergen. Es gilt nun, damit sinnvoll und verantwortungsvoll umzugehen. [...]

  4. Pingback von Crowdsourcing - eine Zukunft des Web 2.0 | Matias Roskos
    27. April 2008, 16:55 Uhr

    [...] In meinem Artikel “Web 2.0 – Was ist der wirkliche Wert” hatte ich dargelegt, worin ich den aktuellen Wert der Web 2.0 Projekte wie Flickr, Youtube, Myspace, Digg.com oder OpenBC sehe. In der unendlichen Zahl von Daten und Informationen die angehäuft werden. Und aus denen sich Trends und Zukunftsperspektiven ablesen lassen. [...]

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