Crowdsourcing – eine Zukunft des Web 2.0

Matias Roskos
11. September 2006, 16:46 Uhr, 12 Reaktionen

In meinem Artikel “Web 2.0 – Was ist der wirkliche Wert” hatte ich dargelegt, worin ich den aktuellen Wert der Web 2.0 Projekte wie Flickr, Youtube, Myspace, Digg.com oder OpenBC sehe. In der unendlichen Zahl von Daten und Informationen die angehäuft werden. Und aus denen sich Trends und Zukunftsperspektiven ablesen lassen.
Aber womit kann man zukünftig Geld verdienen. Jochen Krisch sprach in seinem Artikel “Web 2.0 Denkfehler: Consumities vs. Communities” so treffend von den Consumities, den sich Kapitalgeber und Portalbetreiber wünschen würden.
Aber das ist zu simpel gedacht von Seiten der Investoren. ‘Ich habe ein Portal mit hunderttausenden von Usern. Also werde ich doch wohl an die auch was verkaufen können!’ Das funktioniert so simpel nicht. Die User sind (zum Glück) nicht blöd.
Aber klar macht es für Ebay, Amazon, iTunes oder auch Spreadshirt Sinn in große Portale zu investieren und so neue Absatzkanäle zu erschließen. Aber das wird nicht der allein glücklich machende Weg für die Portale sein, um endlich auch Geld zu verdienen.

° Die User als Community
Hinter den Portalen stecken Communities. Also User. Viele User. Auf Flickr laden sie Bilder ohne Ende hoch. Viele schlechte Bilder, etliche lustige Bilder, einige verdammt gute Bilder. Auf Youtube laden sie Videos hoch. Viel Müll ist dabei, aber auch die ein oder andere Perle. Auf Myspace gibt es viele viele Bands, die sich dort präsentieren. Und die ein oder andere wirklich gute Band ist auf jeden Fall dabei, wie ja schon bewiesen wurde mit den Arctic Monkeys (http://www.myspace.com/arcticmonkeys).
Man sollte also nicht nur die Kaufkraft der User, sondern vor allem auch ihr kreatives Potential ausnutzen. Crowdsourcing! In den vielfältigsten Formen.

° Die VisualOrgasm-Community
Ich betreibe seit über fünf Jahren das Deutsche Design-Link-Portal VisualOrgasm. Anfangs lieferten wir “nur” Links. Zu den besten Seiten im Netz. Hohe Qualität, hoher redaktioneller Aufwand. Bis heute. Aber bald merkten wir, dass wir eine Vielzahl von kreativen Leuten ansprechen. Designstudenten, Freelancer, Illustratoren, Hobbyzeichner, Grafiker, Art-Direktoren, Agentur-Chefs, Veranstaltungsorganisatoren, Marketingmenschen. Wir pflegen einen engen Email-Kontakt zu unserer Community und haben im Jahr 2005 drei Umfragen durchgeführt, um noch genauer herauszufinden, wer unsere User sind.
Dieses kreative Potential wollten wir versuchen zu nutzen. Wir veranstalteten bereits im Frühjahr 2003 – zu einer Zeit als es die meisten Web 2.0 Firmen noch gar nicht gab – unseren ersten T-Shirt-Contest auf VisualOrgasm. Es war ein grandioser Erfolg. Es gab über 700 Design-Einsendungen. Und darunter waren viele verdammt gute. Aber wir hatten keinen finanziellen Background. Wir konnten zwar ein paar Shirts produzieren, aber der Verkauf lief schleppend. Aber wir hatten gezeigt, dass da ein enormes kreatives Potential schlummert. Und so beschlossen wir 2005 ein Shirt-Portal zu gründen. Die Zeiten sind nun gänzlich andere. Es wird mehr konsumiert im Internet, Ecommerce hat deutlich an Bedeutung gewonnen. Cajong ging im Juni 2006 endlich an den Start, eingeläutet durch einen weiteren Shirt-Contest. Und wieder gab es unendlich viele gute Einsendungen. Auf Cajong kann man nun permanent sehen, was an Potential vorhanden ist.

° Das kreative Potential einer Community
Und das ist aus meiner Sicht eine der großen Stärken einer Community: ihr kreatives Potential. Es geht nicht darum, dass jedes Web 2.0 Projekt nun T-Shirts designen lassen soll. Auch wir überlegen gerade, wie wir dieses Potential noch weiter ausschöpfen und Cajong und VisualOrgasm weiter ausbauen können, um es interessant für Investoren und Firmen zu machen. Es soll nicht mehr allein um T-Shirts gehen. Und VisualOrgasm könnte sich zu einer Schnittstelle zwischen einer kreativen Community und Firmen entwickeln.
Ich bin mir sicher, dass ein Teil der Zukunft des Internet im Crowdsourcing (bzw. usergenerierter Produkt- und Handlungs-Konfiguration), liegt. User erstellen Designs für Klamotten, CD-Cover, Logos, Layouts für Webseiten, Farbkombinationen für Fahrräder, Handlungsstränge für Sitcoms, Etiketten für Getränke, Fortsetzungsstränge von Kino-Filmen (ich glaube, jede Online-Community hätte eine bessere Fortsetzung von Matrix zustande gebracht wie diejenige, die im Kino zu sehen war) oder gleich komplette Kampagnen-Ideen für neue Produkte. Sie liefern Illustrationen, Storyboards, Video-Dummys für Werbespots usw. Eine Community ist meist kreativer als ein einzelner Grafiker. Was nicht heißen soll, dass Grafiker, Webdesigner, Fotografen, Werbeagenturen dadurch arbeitslos werden sollen. Ganz im Gegenteil. Sie müssen und werden sich einbringen. In dem sie natürlich mitmachen, aber auch Ideen aufgreifen und professionell umsetzen. In dem sie Contests und Aktionen initieren und mit lenken. In dem sie ihre Kreativität verschmelzen lassen mit der Kreativität der Community.

° Öffentliche Pitches als Crowdsourcing
Bisher findet Ideenfindung zumeist über sogenannte Pitches statt. Warum nicht diese Pitches, die hinter verschlossenen Türen stattfinden, komplett ins Internet verlagern? Mit Vorgabendownload, Galerie-Präsentation und User-Voting. Aus den Favoriten der User dann wählt eine Jury bzw. der Auftraggeber den oder die Sieger. Dadurch bekommt man nicht nur vielfältige Ideen, sondern gleich auch noch ein wunderbares Marketing schon im Vorfeld der eigentlichen Kampagne. Mit dem Start des Crowdsourcing-Prozesses beginnt bereits die Marketing-Kampagne.
Dieser ins Internet verlegte Pitch, dieser Contest, wird sich im Internet herumsprechen. Und die Chance, das mittels Mund-zu-Mund-Propaganda (was gibt es besseres?!) der Weg in andere Medien gefunden wird, ist enorm.
Es hat sich übrigens gezeigt, dass ein Community gerade dann enorm aktiv wird, wenn es etwas zu gewinnen gibt. Gewinnspiele laufen überall im Netz immer wieder sehr erfolgreich. Und auch bei Crowdsourcing-Contests muss es immer was zu gewinnen geben. Im Idealfall ein Honorar für die Idee, das Design, die Story.
Beim Crowdsourcing darf es aus meiner Sicht aber nicht um das Abgreifen guter Ideen und Entwürfe gehen. Die kreativen User müssen von Anfang bis zum Ende in den Prozess mit einbezogen werden. Das bedeutet auch, dass sie bezahlt werden, wenn Ideen oder Entwürfe letztendlich verwendet werden und daraus reale Produkte, Fernsehserien oder Werbeclips werden. Hier liegt also nicht nur für Firmen ein enormes Potential um an gute Ideen zu kommen. Hier liegt auch eine große Möglichkeit für die User, um damit letztendlich auch Geld zu verdienen.
Klar – viele werden am Ende eines Contests, einer Aktion, einer Kampagne leer ausgehen. Aber sie hatten den Spaß dabei zu sein, sich einzubringen und damit mit zu helfen, dass es ein gutes Ergebnis gab, dass möglichst viele Leute anspricht. Und sie hatten die Chance sich zu präsentieren, gesehen zu werden und vielleicht bei einer anderen Aktion im Mittelpunkt zu stehen. Solche Crowdsourcing-Aktionen können ein Sprungbrett sein für neue Perspektiven.

° Glauben an die Idee und die Kreativität der Communities
Ich hoffe und wünsche mir, dass dieses enorme Potential, dass in jeder Community steckt, in der Zukunft viel stärker genutzt wird. Sicherlich hat jede Community andere Stärken und Vorlieben. Die Nutzer von Videoportalen wie Youtube oder Sevenload sind sicherlich bestens geeignet um Werbespots oder Musikvideos zu konzipieren. User von Flickr oder anderen Fotoportalen könnten für Print-Werbekampagnen gewonnen werden oder für CD-Cover. Und die User von VisualOrgasm, die sicherlich zu den kreativsten hier in Deutschland gehören, weil halt viele der Besucher der Seite aus der Kreativbranche kommen oder dort hinein wollen, sind Gold wert wenn es um komplette Werbekampagnen, um Illustrationen für Bücher, Cover oder Plakate geht oder wenn neue Produkte oder Webseiten designt werden sollen.
Ich glaube an diese Idee. An das Verschmelzen des kreativen Potentials der Communities mit dem Suchen von Werbe- und Marketingfirmen nach neuen guten Ideen. Fehlen nur noch die mutigen Firmen und Investoren, die das in die Tat umsetzen und mithelfen entsprechende Online-Kanäle zu realisieren, auf denen dann Contests und Kreativ-Kampagnen gestartet werden können.

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Über den Autor

Matias Roskos
2198 Beiträge

Matias Roskos ist der Gründer des VisualBlog. Neben seiner Tätigkeit als Blogger ist er noch Inhaber von Deutschlands erster Community- und Crowdsourcing-Agentur VOdA. Als Crowdsourcing-Evangelist beschäftigt er sich als Redner und Autor mit dem Thema Open Innovation, Crowdsourcing und Socialnetworkstrategien. Er schreibt für diverse andere Webprojekte und betreibt das Fachblog Socialnetworkstrategien.de

12 Reaktionen

  1. [...] VisualBlog – das VisualOrgasm-Weblog « Crowdsourcing – eine Zukunft des Web 2.0 [...]

  2. [...] http://www.visualblog.de/?p=43 Öffentliche Pitches als Crowdsourcing Bisher findet Ideenfindung zumeist über sogenannte Pitches statt. Warum nicht diese Pitches, die hinter verschlossenen Türen stattfinden, komplett ins Internet verlagern? Mit Vorgabendownload, Galerie-Präsentation und User-Voting. Aus den Favoriten der User dann wählt eine Jury bzw. der Auftraggeber den oder die Sieger. Dadurch bekommt man nicht nur vielfältige Ideen, sondern gleich auch noch ein wunderbares Marketing schon im Vorfeld der eigentlichen Kampagne. Mit dem Start des Crowdsourcing-Prozesses beginnt bereits die Marketing-Kampagne. Kategorien: Web2.0, Netzkultur, Enterprise2.0 Technorati Tags: Crowdsourcing, pitch, Web2.0 Trackback:http://www.scill.de/content/wp-trackback.php?p=186 [...]

  3. Trackback von Exciting Commerce
    12. September 2006, 12:51 Uhr

    Crowdsourcing im Web 2.0: Kreativität zielgerichtet nutzen…

    Das Gute an dem Begriff Crowdsourcing ist, dass er im Gegensatz zu User Generated Content oder anderen Begriffen eine produktivitätssteigernde, wertschöpfende Komponente beinhaltet. Während man das Gefühl hat, dass sich viele der neuen Web 2.0 Plat…

  4. Kommentar von Matias Roskos
    12. September 2006, 13:09 Uhr

    Wow. Ich freue mich, dass Jochen Krisch von Exciting Commerce die Möglichkeiten von Crowdsourcing ähnlich sieht wie ich.
    Danke für das tolle Feedback!

  5. Kommentar von ami
    12. September 2006, 22:26 Uhr

    hi matias,

    das coole ist ja: das “crowdsourcing”, das du in diesem artikel beschreibst, ist nur ein teil der möglichkeiten. sicher, offene design contests (hierzu würde ich auch unser Open Logo Project oder openDESIGN von openBC zählen) werden in zukunft auch für andere unternehmen interessant. aber wettbewerbe öffentlich zu machen, bei denen es etwas zu gewinnen gibt, wird in einer industrie die jedes jahr mindestens 2 gewinnspiele veranstaltet in kürze nichts ungewöhnliches mehr sein. (die folgen sind indes umso interessanter)

    aus meiner sicht zugkräftiger sind “echte crowdsourcing” modelle, die quasi “von alleine” einen mehrwert eingebaut haben, je mehr user sie benutzen. nimm dein surf check bei del.icio.us. hier geht es eigentlich drum, dass jemand etwas “für sich” ablegt, trotzdem freust du dich, dass 18 leute visual orgasm abgespeichert haben. durch die masse entsteht ein mehrwert, ein “wissensspeicher” oder ein “virtueller trampelpfad”. ähnlich ist es bei digg. sicher, hier geht es auch um anerkennung und dergleichen. ich glaube, eine solche komponente könnte gut zu visual orgasm passen und es noch erfolgreicher machen.
    viele gruesze aus leipzig,

    ami.)

  6. Kommentar von Matias Roskos
    14. September 2006, 08:56 Uhr

    Hi Ami,
    du meinst, VisualOrgasm sollte sich (neben Crowdsourcing) auch einen Bereich Social Bookmarking integrieren?
    Kannst du meine Gedanken lesen? Oder kennst du schon das VisualOrgasm-Wiki, das ich gerade einrichte und wo es darum geht VisualOrgasm ins Web 2.0-Zeitalter zu führen?
    http://visualblog.pbwiki.com
    Ja, du hast Recht. Die Möglichkeiten sind gewaltig in der Zukunft. Und VisualOrgasm will dabei sein!

    Ach ja: Lasst uns zusammenarbeiten! :)

  7. [...] 6. Crowdsourcing – eine Zukunft des Web2.0 Man braucht User, diese werden zur Community und die widerum hat unglaubliches kreatives Potenzial. So einfach könnte es gehen. [VisualBlog.de] [...]

  8. [...] Ein ganz wichtiger Punkt ist dabei das Thema Crowdsourcing. Wir würden gern unsere extrem kreative Community nutzen, um in diesem Segment noch viel aktiver zu werden. Und dabei geht es dann nicht nur um das Designen von T-Shirts, sondern um die vielfältigsten Ideen, die realisiert werden könnten. Sie zum Beispiel diese Aktion hier. [...]

  9. [...] Mehr zu dem Thema habe ich bereits hier und hier geschrieben. [...]

  10. [...] Auch wenn es “nur” ein Fun-Aktion ist, finde ich es wunderbar, wenn selbst solche großen Portale wie SPIEGEL ONLINE sich vorsichtig an solche Crowdsourcing-Aktionen heranwagen. Das ist ein gutes Zeichen. [...]

  11. [...] Crowdsourcing und Öffentliche Pitches [VisualBlog] [...]

  12. Pingback von Beobachter Blog » links for 2006-12-29
    27. Januar 2007, 19:19 Uhr

    [...] Crowdsourcing – eine Zukunft des Web 2.0 Crowdsourcing – eine Zukunft des Web 2.0 In meinem Artikel “Web 2.0 – Was ist der wirkliche Wert” hatte ich dargelegt, worin ich den aktuellen Wert der Web 2.0 Projekte wie Flickr, Youtube, Myspace, Digg.com oder OpenBC sehe. In der unendlichen Zahl von (tags: crowdsourcing Community web2.0 user-generated-content) [...]

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