Nein – ist sie nicht, möchte ich hier in den virtuellen Raum werfen. Jedenfalls nicht so unglaublich schnell, wie es uns so viele Experten gerade jetzt weißmachen wollen.
In diesem Sommer reden alle nur noch über Web 2.0, die meisten ohne zu wissen, was das genau ist.
Ein neuer Webstandard? Mitnichten. Ein neues, revolutionäres Produkt aus dem Hause Apple? Nein, auch nicht. Eine Revolution von unten? Eine Netzbewegung, die alles bisher Gewesene dahinfegt? Wohl auch nicht.
Web 2.0 ist kein Produkt, kein Standard, keine wissenschaftliche Bezeichnung für etwas Konkretes, Fassbares.
Alexander Endl geht in seinem Artikel im Dr. Web Weblog “Die Zukunft im Web 3.0 – Eine Vision” darauf ein, was Web 2.0 bedeutet und was es auch nicht bedeutet. Ein bissel rückt er mir in seinem Artikel allerdings die Blogosphäre zu sehr in den Mittelpunkt. Aber das Bloggen ist nur EIN Teil der aktuellen Entwicklung im Internet, wenn auch ein sehr sympathischer, wie ich finde.
Der Begriff “Web 2.0″ ist etwas sehr Schwammiges und zudem auch noch von der Bezeichnung her eher unpassend. Denn man würde denken, es wäre etwas Offizielles, etwas, das für alle und alles gilt.
Richard Joerges erklärt auf seinem web-zweinull ganz hervorragend, woher der Begriff “Web 2.0″ kommt und was dahinter steckt:
“Begriffe wie RSS, Atom, Trackback, Social bookmarking, iPod und Podcasting, AJAX, Blogosphäre und Google-Maps sind nur einige der Buzzwords, die zusammen für web 2.0 stehen.
Letztendlich geht es dabei vor allem um eines: Nicht mehr die Programme auf dem PC zählen, das Internet selbst wird die Anwendung. Allenthalben wird schon Google als größte Bedrohung für Microsoft gesehen. Zu recht! Die Zeiten der lokalen Datenhaltung gehen zu Ende. Mobilität ist das Stichwort, die Inhalte liegen im Netz.
…
Eine der neuen und sicherlich interessantesten Internet-Anwendungen ist das, was man unter Social Bookmarking, Social Web oder Social Software zusammenfassen könnte. Es geht hierbei um die Vernetzung von Inhalten und von Menschen. Typische Beispiele hierfür sind die sogenannten wikis, wie etwa die Online-Enzyklopedie Wikipedia, Bildersharing-Angebote wie Flickr oder die Social-Bookmarking-Plattform del.icio.us. Allen drei ist gemeinsam, dass sie mehr sind als reine Online-Lagerstätten für Content.
Zusammen sind wir stark, lautet das eine Motto. Das andere lautet: Das Ergebnis ist eine Potenz und nicht nur die Summe des Ursprünglichen. Wikipedia ist stark, weil viele Menschen für sich genommen kleine Beiträge leisten und heraus kommt das beste, weil lebendige, Lexikon der Welt. Technisch gesehen vernetzt sich bei einem wiki der Inhalt selbst. Erwähnt ein Autor ein zuvor schon beschriebenes Stichwort, wird selbiges automatisch verlinkt. So kann man sich am Ende nahezu endlos durch ein wiki klicken.”
Das Schlimme aber an Web 2.0 ist meiner Meinung nach, dass es so vieles Gute überlagert. Viele gute Ideen, gute Webseiten, interessante Kampagnen finden keinen Platz neben all den Artikeln, Blogeinträgen und Newsmeldungen die sich mit Web 2.0 beschäftigen. Und jeder überlegt jetzt, wie er auf diesen Zug aufspringen und damit Geld verdienen kann. Denn das ist noch eines der großen Geheimnisse in diesem Sommer: Wie kann man mit Web 2.0 Geld verdienen?
Martin Röll schreibt zu diesem Thema in seinem Weblog: “Viel sinnvoller ist es oft, zu schauen, was denn “Web 2.0″ (ich bevorzuge den Begriff “das Internet”) für das bestehende Geschäft und innerhalb der existierenden Geschäftsmodelle tun kann. BMW verkauft Autos. Gibt es eine Möglichkeit, wie das Web genutzt werden kann, um das zu verbessern? Was bedeuten Blogs und “User Generated Content” (ih!) für die Kundenkommunikation? Wie kann Social Software den Entwicklungsprozess verbessern? Wie können uns die neuen Entwicklungen helfen, effektiver zu kommunizieren?
Manche stellen sich die Frage nach den Geschäftsmodellen auch, um die Nachhaltigkeit der ganzen aktuellen Blog/SocialSoftware/2.0-Bewegung einschätzen zu können. Sie vermuten, dass die vielen Weblogs und komischen Dienste mit kryptischen Bezeichnungen nur eine Mode sind und wieder verschwinden werden. Sie verstehen nicht, “warum die alle bloggen”. “Haben die alle zu viel Zeit?”
SpiegelOnline-Redakteur Christian Stöcker, der mir schon einmal mit seinen eigenwilligen Ansichten über Menschen und das Netz aufgefallen ist, begreift das in seinem aktuellen Artikel auch nicht.
Zwei Dinge sind wichtig:
Es braucht kein “Web 2.0-Geschäftsmodell”, damit das, was man “Web 2.0″ nennt, entsteht (es ist schon da), wächst und bleibt. Es wird sich verändern und es wird nicht immer so bunt bleiben wie jetzt, aber es wird da sein. Blogs, Wikis, Bookmarking, MySpace und ihre Konsequenzen (die hier zum Beispiel) gehen nicht mehr weg.
Für Unternehmen steckt im Web2.0 viel mehr, als “neue Geschäftsmodelle”. Neue Geschäftsmodelle sind durchaus interessant – Es lohnt sich, sich das einmal anzuschauen (genau das werde ich nächsten Monat mit einem Kunden tun). Aber dabei sollte man den Blick auf die bestehende Wertschöpfung des Unternehmens und die Auswirkungen und Möglichkeiten des Web in Bezug auf diese nicht auslassen. “Was bedeutet Web2.0 für unser Unternehmen?” ist oft die wichtigere und weiterführendere Frage als “Wie können wir mit dem Web2.0 Geld verdienen?”.”
So viel von Martin Röll.
Und wie Recht er hat. Im Netz dreht es sich zum Glück nicht immer ums Geld verdienen. Die Menschen gehen ins Netz um zu suchen, zu recherchieren, zu entdecken, Gleichgesinnte zu treffen, um sich abzulenken, abzuschalten, Spaß zu haben.
Aber sollte trotz alledem folgendes bedenken: Firmen müssen die Gehälter ihrer Angestellten bezahlen. Steuern müssen gezahlt werden und Versicherungen, Strom, Mieten, Pensionsansprüche und so weiter und so fort. Firmen MÜSSEN also Geld verdienen. Aus gutem Grund. Also ist es legitim, wenn sie überlegen, wie sie mit neuen Entwicklungen AUCH Geld verdienen. Man sollte ihnen das nicht vorwerfen. Aber die Firmen müssen auch begreifen, dass Geld verdienen nicht das primäre Ziel des Internets ist. Das Internet bedeutet in allererster Linie: Kommunikation und Information. Menschen kommunizieren miteinander. Und das ist doch etwas ganz Wunderbares – wenn miteinander geredet, bzw. gemailt, gechattet, gebloggt wird. Und sie suchen nach Informationen – und sei es nur etwas so Banales wie die Abfahrzeiten des Zuges Richtung München oder das Porto für ein Paket nach Australien oder einen guten Bio-Imbiss bei mir um die Ecke.
Aber schon hier, wenn User auf der Suche nach Informationen sind, kann man viel gewinnen oder viel falsch machen. Denn ist mir eine Firma sympathisch durch ihren Netzauftritt – durch das gute Handling der Seite, durch den guten Service, durch vielfältige, leicht zu erreichende Informationen – dann bleibt mir diese Firma in positiver Erinnerung. Es wirkt wie eine gute Fernsehwerbung. Dort renne ich ja auch nicht gleich zum Telefon und order mir die neue Limousine für 89.990 Euro, nur weil die Werbung witzig war. Aber die Marke bleibt in meinem Kopf als nett, witzig, dynamisch oder was auch immer haften.
Aber man kann auch viel falsch machen: dauert es mir zu lange die gesuchte Information zu finden? Ist es extrem unkomfortabel um an die Abflugzeiten der Flugzeuge nach New York zu gelangen? Ist der Preis für das Hotelzimmer in Glasgow nicht zu entdecken oder vermitteln mir die Fotos des Fünf-Sterne-Hotels auf den Cayman-Islands ein eher trübes Bild? Dann kann es schnell passieren, dass diese Firma (Hotel, Reiseziel, Fluglinie oder was auch immer) für mich umgehend gestorben ist. Ich wähle schnell eine andere Webseite. Der Sprung zu einem Konkurrenten geht im Internet verdammt schnell.
“Web 2.0 ist eine alte Erfindung”
Zurück zu Web 2.0, der neuesten “Erfindung” des Internets. Oder ist diese Entwicklung vielleicht gar nicht so neu? Die Seiten die jetzt so gehyped werden, gibt es meist schon seit mindestens zwei eher sogar vier oder fünf Jahren. Anders wäre es gar nicht möglich gewesen solch große Communities aufzubauen. Außerdem stecken hinter Portalen wie Myspace.com, Flickr, Wikipedia, Technorati oder Youtube (mehr Links, Portale, Projekte gibts hier) gewaltige programmiertechnische Leistungen und oft auch enormer Serverplatz. Das kann man nicht von heut auf morgen aus dem Boden stampfen. Portale entwickeln sich. Mit den Usern, ihren Wünschen, Vorschlägen, Intentionen; und mit den Erfahrungen der Macher hinter den Portalen.
Natürlich können diese Portale jetzt auch nur so erfolgreich sein, weil die Zahl der schnellen Internetzugänge (DSL und andere) rapide gestiegen sind. Ich hoffe, Myspace.com und Konsorten haben sich schonmal bei den Telekommunikationsfirmen bedankt! Oder umgekehrt: die Telefondienstleiter müssen Danke sagen den Portalen, weil die User jetzt endlich einsehen wofür DSL gut ist.
Schritt für Schritt wurden die Profile der Portale auf die User zugeschnitten. Die Personalisierung wurde verfeinert und ausgebaut. Der User als Solcher konnte sich von Monat zu Monat immer stärker an seinem Portal beteiligen. Und das ist eine großartige, wenn auch mutige Entwicklung. Die User bekommen Rechte und müssen lernen damit auch verantwortungsvoll umzugehen. Wer spamt, fliegt raus.
Die Portale werden durch die User mit Leben gefüllt. Sie stellen ihre Bilder und Videos ein. Sie sagen, wo es cool ist hinzugehen, wo man gut shoppen kann, welche Musik sie gerade hören. Sie teilen sich mit und zeigen von sich so einiges. Und in dem das Tausende von Menschen tun, entstehen Trends und Stimmungsbilder. Hier ist EIN Ansatzpunkt für große Firmen. Sie können so extrem günstig an Informationen kommen, die nicht nur einen einzelnen betreffen, sondern ein ziemlich große Masse. Sie müssen nur lernen diese Informationen einzusammeln, auszuwerten und sinnvoll einzusetzen. Und ich denke, hier ist auch ein Ansatzpunkt, wo Portale und Firmen zu beiderseitigem Nutzen zusammen arbeiten können; ja fast schon zusammenarbeiten müssen. Dabei darf es allerdings nie darum gehen, eine Meinung den Usern aufzuzwingen. Man muss so interelligent sein, zuzuhören, was die User zu sagen haben. Und dann mit diesen ehrlichen, ungefilterten Informationen umzugehen.
Genau hier ist wohl das wichtigste Geschäftsmodell, mit dem Portale Geld verdienen können. Trends filtern, Informationen sammeln, die Partner-Firmen etwas nutzen.
“Foren als Vorfahren des Web 2.0″
Doch gab es die Usermeinung, den direkten Austausch von Informationen, die Meinungsbildung auf unterster Ebene, nicht auch schon vor Web 2.0?
Ja. In Foren. Dort haben sich schon vor über zehn Jahren die Menschen getroffen und haben sich über bestimmte Themen ausgetauscht. Schon dort gaben sie Empfehlungen weiter und halfen einander. Eine der ältesten “Erfindungen” des Internets. Nur fehlte da noch die Weboberfläche, das Portal als Solches, die diese Stimmungen, Tendenzen, Hilfestellungen visualisiert und für jeden zugänglich macht. Man musste schon direkt rein ins Forum, in den entsprechenden Thread, um an die Information zu kommen. Das Tagging, die Verschlagwortung gab es kaum, meist nur in Form der einzelnen Rubriken. Als Hilfe gab es die Suche (die wohl zum Glück nie aus dem Web verschwinden wird) und die Rubriken. Also doch schon so etwas wie eine Verschlagwortung. Nur noch ganz rudimentär. Eine erste Form des Social Bookmarking.
Auch die Mitbestimmung spielte bei guten Foren schon früh eine wichtige Rolle. Meist per Email oder in einem bestimmten Bereich des Forums konnte man Vorschläge machen, was es an neuen Themen und Bereichen geben sollte. Sehr aktive Teilnehmer stiegen schnell zu Administratoren auf und sorgten dafür, dass das Forum nicht verwahrloste und einen qualitativen Standard gewährleistete. So wurden User schon damals ganz direkt und persönlich eingebunden in die Entwicklung des Forums.
“Erste Portale mit User-Beteiligung”
Aber auch einige wenige Portale gaben schon früh ihren Usern die Möglichkeit mitzumachen, direkt dabei zu sein. Link-Portale sind da das beste Beispiel. Die User wurden aufgefordert die coolsten Seiten einzusenden. Fanden die Administratoren, dass die Seite wirklich so gut ist, gab es eine News und das Einordnen in die entsprechende Rubrik. Bei manchen Portalen waren die Kriterien der Aufnahme sehr gering, bei anderen war es weitaus schwerer aufgenommen zu werden. Und ganz wenige Portale ließen es dann sogar zu, dass die User die Seiten bewerten konnten.
Portale wie Kaliber10000, Halfproject, Linkdup oder Surfstation gehörten zu den Pionieren der Webdesign-Portale.
Mein eigenes kleines Link-Portal “VisualOrgasm“, betrieben von mir, meinem kongenialen Partner Frank Feldmann und unserem Programmierer Jens Kalusniak (von dem übrigens auch die Namensidee stammt!) ging schon vor fünf Jahren, im September 2001 an den Start. Und schon damals haben wir die Leute aufgefordert mitzumachen und die interessantesten, besten, witzigsten Links einzusenden. Wir starteten mit knapp 100 Usern am Tag. Heute sind es zwischen 2.500 und 3.000. Gegenüber den Zahlen von Myspace.com natürlich sehr bescheiden, aber immerhin. Und schon von der ersten Minute der Freischaltung war es den Usern möglich für die Links in den einzelnen Rubriken zu voten. Sie konnten und können noch heute Votes abgeben und so dafür sorgen, dass die besten Seiten in den Top20 auftauchen oder in ihrer Rubrik ganz oben stehen. Schnell verfeinerten wir die Einteilung in Rubriken und fügten eine Suche hinzu.
Was wir nicht zuließen, waren Kommentare. Möglicherweise ein strategischer Fehler. Aber der Aufwand den wir hätten betreiben müssen, um die Kommentare sauber und frei von Spam zu halten, wäre nicht tragbar gewesen. Denn – und damit sind wir wieder bei einem altbekannten Thema – wir verdienten damit keinen einzigen Cent in den ersten zwei Jahren. Es war reines Hobby und Spaß am Internet. Erst vor drei Jahren zogen wir die Notbremse und begannen Werbung zuzulassen. Anfangs übrigens unter gewaltigen Protesten einiger unserer User und der deutschen Webdesign-Szene. Ich kann mich noch gut an böse und oft unter die Gürtellinie gehende Kommentare in einschlägigen Foren erinnern: “VO verkauft sich.“, “Huren, die.“, “Widerlich, da geh ich nie wieder drauf auf die Seite…” usw. Leider fällt es gerade in Foren den Leuten sehr leicht andere zu dissen. Mit Lob geht der Mensch von Natur aus eher sparsam um.
Aber schnell wurde die Werbung akzeptiert und kurze Zeit später von vielen anderen deutschen Untergrund-Portalen übernommen. ‘Wenn VisualOrgasm das kann, dann können wir das auch!‘ :)
Aber bis heute ist es auf diese Art nicht möglich wirtschaftlich sinnvoll zu arbeiten. Ein Portal wie VisualOrgasm ist und bleibt unrentabel, wenn man die Zeit, die man investiert gegenrechnen wollte. Doch Leute wie wir betreiben ein Portal primär nicht um Geld zu verdienen, sondern um das Netz zu bereichern. Auch wenn es einen nicht stört, wenn das eine (Hobby, Spaß am Internet) und das andere (Geld verdienen, um seine Familie damit zu ernähren) zusammenpassen würden.
VisualOrgasm soll hier nur als EIN Beispiel dafür stehen, dass es Web 2.0, also die Beteiligung der User am Portal, das sich Einbringen, das Mitmachen, schon lange vor dem Sommer 2006 gab.
“MTV als Vorreiter des usergenerierten Contents”
Nicht verzichten möchte ich darauf hinzuweisen, dass MTV einer der ersten “Big Player” war, die auf User-Verhalten reagiert haben. Und das nicht nur, was Einschaltquoten anbelangt (da reagieren ja alle Fernsehsender umgehend, wenn die Quoten in den Keller gehen). Nein, das meine ich nicht.
Mit TRL schufen sie schon vor “Ewigkeiten” ein Format, bei dem der User entscheidet, was gesendet wird.
Auch hier kommt das Voting-System zu Zuge.
Man darf und muss MTV einfach dafür loben. Denn damit waren sie so etwas wie Vorreiter in Sachen Voting und Web 2.0.
Jetzt bleibt nur noch die Frage, wann es die ersten TRL-Shirts auf MTV gibt, die in Zusammenarbeit mit Cajong entstanden sind. Also mittels Crowdsourcing. Designer senden entwürfe ein und die User auf TRL voten für ihr Lieblingsmotiv. Cajong übernimmt die Produktion und in Zusammenarbeit mit MTV die Administration des Projekts. Wär doch ne gute Idee, oder?
“Crowdsourcing bzw. usergeneriertes Produkt-Konfiguration – der User bestimmt was aufs Shirt kommt”
Ein anderes exzellentes Beispiel ist das französische Shirt-Portal “La Fraise“. Ich liebe dieses Projekt, auch wenn es, genauso wie VisualOrgasm übrigens, in Zeiten von mit Tausenden von Videofilmen vollgestopften Seiten wie Youtube oder Sevenload schon fast wie ein Walkman im Vergleich zu einem MP3-Player wirkt.
La Fraise gibt es seit über drei Jahren. Das Grundprinzip ist eigentlich ganz simpel: die User, oft Illustratoren oder Webdesigner, senden Entwürfe ein, die auf ein T-Shirt passen. Die User voten dann für diese eingesandten Arbeiten. Und nur die Designs, die den Sprung über eine bestimmte Höhe schaffen, werden angenommen und dann gedruckt.
Patrice Cassard, der Gründer von La Fraise schaffte es – vor allem durch die enge Beziehung zu seinen Usern und sein Geschick im Umgang mit ihnen in seinem La Fraise Blog – schnell eine gewaltige Community aufzubauen, die nicht nur Designs einsandte, sondern die Shirts auch kaufte. Und vor allem DAS ist der riesige Erfolg von La Fraise. Mittels Crowdsourcing entsteht ein Produkt, dass der User sofort bestellen kann. Und das Ganze noch auf einem designtechnisch qualitativ hochwertigen Level. Genial.
In den USA gab es natürlich ein Parallel-Portal namens “Threadless“. Patrick Cassard gab in einem Interview zu, dass Threadless es letztendlich war, die ihn zu La Fraise inspiriert haben. Beide Portale sind, zu Recht, extrem erfolgreich.
Eigenartigerweise ließ ein deutsches Portal mit gleichem Inhalt lange auf sich warten. Darum beschloss ich schon 2004 das selbst in die Hand zu nehmen. Leider fehlte mir damals einiges: Zeit, ein starker Partner, ein extrem guter Programmierer und das nötige Kleingeld. Schließlich müssen T-Shirts auch erst einmal gekauft und dann bedruckt werden. Darum lag das Konzept fast 12 Monate in der Schublade, bis ich mit Martin Oetting einen Partner fand, um es endlich in Angriff zu nehmen. Und so kam es im Juni 2006 zum Launch von “Cajong“. Witzigerweise war ich natürlich nicht der Einzige, der die La Fraise-Idee aufgriff. Auch Spreadshirt, schon seit längerem sehr aktiv im Bereich User-Generated-T-Shirt und Crowdsourcing ging fast parallel mit ihrem “Derbz” an den Start. Natürlich steckt bei Spreadshirt deutlich mehr Kapital dahinter. Kurz darauf kaufte Spreadshirt auch noch La Fraise. Zum Glück war das eine freundliche Übernahme. Patrice Cassard will sich anders orientieren und war so clever La Fraise vermutlich im richtigen Augenblick für hoffentlich gutes Geld abgestoßen zu haben. Aber ein weinendes Auge bleibt bei mir trotzdem zurück.
La Fraise bewies, dass man mit Einbindung der User durchaus auch geschäftlichen Erfolg mit einem Portal haben kann.
“In Deutschland dauert alles länger”
Warum nun dauerte es in Deutschland so lange, bis ein so erfolgreiches Konzept aufgegriffen wurde? Interessant ist ja auch, dass die deutschen Portale, die jetzt gerade Versuchen an den Erfolg von Myspace.com, Flickr und Youtube anzuknüpfen, auch enorme Schwierigkeiten haben auf ähnliche Userzahlen zu kommen wie die amerikanischen Vorbilder?
Dafür gibt es sicherlich einige Gründe. Zum einen ist der Markt in Deutschland einfach viel kleiner als der amerikanische, der ja auch von vielen Usern aus Westeuropa, Nord- und Mittelamerika, Australien und Asien frequentiert wird. Also auf Myspace.com tummeln sich neben Amerikanern auch Briten, Spanier, Mexikaner, Kanadier, Argentinier, Australier, Koreaner, Japaner und und und.
Auf einem deutschen Portal verirren sich neben Deutschen nur noch Österreicher und Schweizer. Diese Erfahrung haben wir mit VisualOrgasm auch gemacht. Da nützt es auch nichts, zweisprachig daher zu kommen. Mit einem deutschen Portal spricht man einen überschaubaren Markt an. Und das muss nicht negativ sein. Man darf sich nur nicht zu sehr an den Userzahlen der amerikanischen Portale orientieren. Man kann sich als Portalbetreiber wiederum viel besser auf seine User einstellen und seine Zielgruppe deutlicher definieren.
Zum anderen braucht der deutsche User aber auch länger, um neue Ideen anzunehmen. Und mal ganz profan verallgemeinert ist der deutsche User doch etwas zurückhaltender, nicht so extrovertiert wie die meisten Amerikaner. Da dauert es einfach länger bis der soziale Aspekt auf den Portalen sich auch wirklich durchschlägt. Aber es funktioniert, was Projekte wie Sevenload, Open BC, Wer-weiß-was oder Qype beweisen. Und ich möchte sogar behaupten, dass der deutsche User dann auch viel treuer ist als die amerikanischen Portal-Hopper. Hier gibt es übrigens witzigerweise eine Top Ten Liste der deutschen Web 2.0 Applikationen. Keine Ahnung, wonach gemessen wurde. Aber sie ist durchaus aussagekräftig.
Außerdem haben solche Projekte meist nur Erfolg, wenn sie von unten her gewachsen sind. Wenn sie also authentisch und nicht durch irgendeinen Konzern aufgesetzt sind. Der User mag einfach “echte” Sachen, nichts künstlich schnell Hochgezüchtetes.
Und? Ist die Entwicklung des Internets denn nun wirklich so rasant, wie sie dargestellt wird?
Ganz klare Antwort meinerseits: Nein. Aber sie ist gewaltig. Und durchaus positiv. Viele Sachen die jetzt als Web 2.0 medientauglich unter die Leute gebracht werden, gibt es schon seit Internet-Ewigkeiten. Hinter dem Erfolg der Portale steckt jahrelange, harte Arbeit.
Aber es ist gut und richtig, wenn über die Entwicklungen diskutiert und berichtet wird. Und es ist gut und richtig, dass der Einfluss der User auf die Portale zunimmt. Der User erobert das Internet.
Ob man das nun als “Web 2.0″ bezeichnen muss, weiß ich nicht. Ist aber eigentlich auch wurscht. Das Netz lebt, entwickelt sich. So muss es sein. So ist es gut.






Eine Reaktion
26. August 2006, 23:54 Uhr
Hi,
The Sacred Cowdung list you quoted in this article in fact is a very early version of the list that I maintain on my EVERYTHING 2.0 blog – http://bobstumpel.blogspot.com. It has been substantially extended.
Brgrds, BOB