1. Viele kennen Dich als exzellenten Font-Designer, der immer wieder ausgefallene Schriften kreiert, weit ab vom Mainstream. Andere wiederum kennen Dich aufgrund Deiner digitalen Kunstwerke. Als was siehst Du Dich selbst? Fontdesigner, Digital-Artist? Künstler?
Mir haben diese etikettenhaften Bezeichnungen noch nie gefallen. Und manchmal stören mich die Begriffe “Künstler” und “Designer” schon ein wenig. Besonders weil sich heutzutage jeder x-beliebige einfach Designer oder Künstler nennen kann. Das ist irgendwie in Mode gekommen. Ich mache von allem ein bisschen was…
2. Du hast im Frühjahr 2005 etliche Ausstellungen in den USA bestückt. Erzähl uns mehr darüber. Wie kam es dazu? Wo überall warst Du mit Deinen Werken? Was genau hast Du ausgestellt? Prints? Wie gut hast Du verkauft? Kamen Aufträge dadurch rein?
Es fing so an, dass ich Einladungen von … erhielt, ob ich meine Arbeiten nicht auf ein paar Ausstellungen zeigen möchte. Ich habe meine Zeit nie dahingehend ausgerichtet, dass ich Kunst als Hauptjob machen wollte… Ich liebe es daran zu Arbeiten, aber manchmal ist die Zeit einfach nicht auf deiner Seite, da ich noch an ein paar Werbungssachen arbeite, von denen ich immer noch hauptsächlich lebe. Manchmal muss ich mir Zeit für die Kunst nehmen und kann nicht an den Werbeprojekten arbeiten, weil Kunstarbeiten für die Ausstellungen fertig werden müssen. Ich mache meistens gemischte-Medien-Zeichnungen auf Tafeln(?) (Akrylfarbe und Bleistift). Die Kunstwerke werden gewöhnlich in der Eröffnungsnacht verkauft, also gibt es eine großartige Reaktion. Außerdem verkaufe ich die meisten Werke (Zeichnungen) online, geradewegs von der Website.
3. Ist es schwer oder eher leichter, als Brasilianer in der weltweiten Designszene auf sich aufmerksam zu machen? Betrachten Dich die Leute als Exoten oder war es scheißegal, wo Du herkamst?
Ich vermute, dass das nicht wirklich relevant ist. Komisch ist nur, dass die meisten Kunden, Website-Besucher und Emails nicht aus Brasilien kommen.
4. Ich habe in einem Interview von Dir gelesen, dass Du am liebsten richtige Post bekommst und dass Du schon die verrücktesten Sachen in Deinem Briefkasten gefunden hast. Erzähl mal!
Ja, es ist immer toll Sachen per Post geschickt zu bekommen. Vor zwei Jahren habe ich einen Karton voll mit Fotos, Zeitungsausschnitten, Postern usw. erhalten. So etwas macht den Tag zu einem guten Tag. Ich bekomme eine Menge Artwork, CD’s, Bücher und das sind zum Teil richtig gute Sachen. Aber das absurdeste war das Foto von einem nackten Typen, das zusammen mit einem Brief bei mir eintraf.
5. Du arbeitest als Freelancer, richtig? Planst Du für die Zukunft eine eigene Agentur, mit Mitarbeitern, Büros und ähnlichem? Oder wirst Du für immer und ewig ein Einzelkämpfer bleiben?
Ja, z.Zt. arbeite ich als Freelancer. Ich bereue nichts, außer das ich alleine arbeite. Es ist SEHR langweilig. Auf der anderen Seite möchte ich aber keine Agentur starten… man muss sich einfach um zu viele Dinge kümmern. Ich mag es, wenn ich meinen eigenen Zeitplan machen kann und Zeit habe an meinen persönlichen Dingen zu arbeiten… Aber es wäre auch nett einen Platz mit ein paar anderen Leuten zu teilen, die genau das gleiche machen… Das war eigentlich mein Plan für 2005, aber es hat nicht geklappt.
6. Woher kommt der Großteil Deiner kommerziellen Aufträge? Aus Brasilien? Südamerika? USA? Asien? Europa?
Wenn du die Aufträge für (Werbe)schriftarten meinst – kann ich gar nicht genau sagen, da “Myfonts” sich darum kümmert. Aber die meisten Website-Besucher und Klienten kommen aus den USA.
7. Wie schon gesagt – man kennt Dich vor allem aufgrund der zahlreichen Freefonts, die Du ins Netz gestellt hast und aufgrund Deines Artworks. Machst Du eigentlich auch Webdesign? Also das Design für Webseiten?
Ich habe schon ein paar Websites gemacht. Es ist aber nicht das was mir am meisten Spaß macht. Besonders weil ich dabei mit einem Programmierer (html, asp, etc…) arbeiten muss. Außerdem ist Webdesign sehr zeitaufwändig, weil man sich ständig um irgendwas kümmern muss, ändern, updaten… Und ich mag es nicht an einem Projekt über einen längeren Zeitraum zu arbeiten. Also arbeite ich hauptsächlich mit Illustrationen und Drucken.
8. Gibt es schon konkrete Projekte für das Jahr 2006? Auf welchen Konferenzen werden wir Dich sehen?
Soweit sehen die Pläne so aus ein paar Sachen misprintedtype, T-Shirts, Poster und ein paar limited-Editions zu machen. Ich bin kein großer Fan von Konferenzen und Reden halten etc.
9. Was ist für Dich typisch brasilianisch? Wir in Europa haben ja etliche Klischees für Deine Heimat: bildschöne Frauen, grandiose Fußballer, endlos lange und überfüllte Strände, Großstädte voll Kriminalität… Korrigier doch mal ein wenig unser Bild!
Alles was du gesagt hast ist wahr. Natürlich sind nicht alle Städte voll von Kriminalität, aber Gewalt ist schon präsent… Wir haben ein paar paradiesische Plätze, Strände, Wasserfälle, Berge und das Wetter ist fantastisch! Auf der anderen Seite haben wir große Armut und eine sehr korrupte Politik, die das Land zu dem machen wie ist.
10. Gibt es Grafik-Designer und/oder Künstler, die Du bewunderst? Die Vorbilder oder Inspirationsquellen für Dich sind?
Das ist immer eine schwierige Frage… Ein paar Leute die ich bewundere, sind Fred Otnes, Cy Twonbly, NeasdenControlCentre und eine ganze Reihe mehr von zeitgenössischen Künstlern.
Hier noch ein paar Standardfragen, die wir jedem Interviewten stellen und die einfach sein müssen:
a) Du wurdest wann und wo geboren?
Belo Horizonte/Brasilien – August 1980
b) Hast Du irgendwas studiert oder eine andere Ausbildung genossen?
Ich bin zu einer Designerschule hier in Brasilien gegangen, aber glaub mir, ich bin trotzdem Autodidakt.
c) Welche Webseiten besuchst Du regelmäßig und warum?
d) Was sind Deine Lieblingsseiten? Welche sind Deiner Meinung nach extrem gelungen?
e) Wohin willst Du unbedingt mal reisen?
Nach Thailand und Kuba.
f) Wen würdest Du selbst gern mal interviewen?
KGBE Rotgut und Os Gemeos.
g) Von wem würdest Du Dir Artwork ins Wohnzimmer hängen?
Von so vielen Leuten. Meine Top 5 sind: Clayton Brothers, KGBE Rotgut, Chris Lindig, Camille Rose Garcia and Wayne Bertola.
h) Stehst Du auf Designer-Action-Toys? Und wenn ja – von wem steht was auf Deinem Schreibtisch?
Daran bin ich nicht sonderlich interessiert…
i) Deine Lieblingsband/Sänger/Sängerin? (drei bis zehn Stück)
Tool, Placebo, Digitaria, Radiohead, New Order, Foo Fighters, Bad Religion, Lagwagon, Millencolin und ich höre mir immer noch Nirvana an.
Webseite: www.misprintedtype.com






Eine Reaktion
31. Oktober 2006, 10:11 Uhr
[...] Schon seit Jahren bin ich ein großer Fan der grafischen und typografischen Arbeiten von Eduardo Recife aus Brasilien. Wir mailen uns regelmäßig und im letzten Jahr habe ich mit ihm ein Interview für den “Webdesigners Calendar 2006″ gemacht. Dieses findet ihr hier. [...]